Kennt ihr das? Ihr plant ein Treffen mit alten Schulfreunden und zwei Tage vorher kommt ein Anruf aus Sydney und ihr müsst Koalas aufpeppeln gehen? Nee? Naja gut, ich auch nicht. Aber trotzdem fühlt sich mein Tagesablauf gerade ähnlich an.
Ich sitze momentan am Institut und arbeite an meiner Diplomarbeit. Meine Diplomarbeit behandelt einen Teil von AMS, das sich momentan in der heißen Phase des Zusammenbauens befindet. Am 29. Juli nächsten Jahres soll der Space-Shuttle-Flug gehen, bis dahin muss also alles fertig und getestet sein.
Und so kommt es, dass bei uns mindestens einmal pro Woche Zeitpläne für den nächsten Monat erstellt werden. Natürlich hat der Zeitplan der vorigen Woche nichts mehr mit dem aktuellen zu tun, aber — ihr könnt es euch sicher denken: Zeitpläne sind für die anderen.
Ein Beispiel ist die Planung für den Strahltest, der im CERN die Funktionsfähigkeit der Komponenten testen soll, nachdem alles fertig zusammengefrickelt ist. Erste Zeitangaben, wann dieser Test stattfinden soll gab es nicht vor letztem Monat. Es war viel zu ungewiss, ob der Zeitplan des Zusammenbauens überhaupt wie gedacht eingehalten werden kann. So ein Dingen wie AMS ist schließlich etwas komplexer als den heimischen DVD-Player für die Katzen-Heim-Videos in Betrieb zu nehmen.
Professionelles Katzen-Sitting
Dann kamen erste Termine auf, Anfang Dezember irgendwann. Da ein Schwertransporter für den weiteren Transport ab dem 16.12. gebucht war, war zumindest dieser Termin einigermaßen fest. Etwa am 20.11. gab es schließlich einen konkreten Zeitrahmen. Hotels und Mietwagen wurden gebucht, Verfügbarkeiten des Personals für zu besetzende Schichten abgeklärt, Katzen-Sitter engagiert. Alles spitze.
Doch dann: Ein Zwischenfall. Keiner wusste was los war, Pläne wurden wieder verworfen und ein leichter Anflug von Chaos drohte. Zwei Tage später stellte sich heraus, dass alles halb so wild war und man den Zeitplan doch einhalten können wird. Puh!
Das war letzte Woche Freitag. Der heutige Montag sah dann schon wieder ganz anders aus. Es gibt Probleme mit der Kühlung des supraleitenden Magneten, das geht alles nicht so schnell wie geplant. Heraus kam, dass der besagte Strahltest wahrscheinlich auf Anfang nächstes Jahr verschoben wird.
In diesem Sinne bin ich gespannt auf die nächsten Tage. Vielleicht sollte ich ein kleines Wettbüro im Institut eröffnen?
LHC läuft wieder und Internet geht mit ab
11 Kommentare
Wir im physikBlog, Deutschlands allumfassendsten Blog, bemühen uns ja immer euch möglichst allumfasssend zu informieren.
Jetzt ist es aber so, dass eure Lieblingsautoren1 allesamt in Bereichen der Teilchenphysik studieren. Und es ist so, dass gerade irgendwo da in der Schweiz, tief unten im 52. Untergeschoss, diese absolut fetzigste Maschine aller Zeit steht.
Ihr merkt schon, wir haben gar keine andere Möglichkeit, als über den LHC zu berichten. Erst recht nicht, wenn so viel passiert wie in den letzten Tagen.
Denn gestern lief seit dem Unfall vor einem Jahr erstmalig wieder ein Strahl komplett im Tunnel umher. Und das Internet stand Kopf; eigentlich tut es das immer noch.
Previously on…
Gestern gegen 17:00 Uhr fing man langsam an einen Teilchenstrahl in die Tunnel des LHC im Uhrzeigersinn zu injezieren. Immer Stückchen für Stückchen, Sektor für Sektor. Am Abend dann hatte man eine komplette Umrundung geschafft, fing nach einer Weile den Strahl an seinem Injektionspunkt wieder ein und schickte ihn auf eine weitere Runde. Und auf eine weitere Runde. Und…
Danach nahm man sich den Strahl in Richtung entgegengesetzt des Uhrzeigersinns vor und machte das selbe Spiel durch. Auch mit Erfolg.
Zwischendurch quenchte2 ein Magnet kurz im Sektor hinter CMS, aber nach 15 Minuten ging es schon weiter. Zwischendurch optimierte man den Strahl und die Einstellungen immer ein Stück weiter – und auf dem Stand ist man meines Wissens auch jetzt (siehe Timestamp vom Artikel).
Im Internet war – und ist – die Hölle los. Eigentlich ein wenig lustig, wenn man bedenkt, dass das Internet im CERN und… ihr wisst schon.
Jedenfalls ist SO viel los, dass man vielleicht etwas die Übersicht verlieren könnte.
Deswegen hier, der erste und einzige physikBlog LHC 2009 Restart Startup Internet Guide (PhyBLTReSIG).
Twitter
Auf dem offiziellen Twitter-Account des CERNs, @CERN, ist so einiges los. Man berichtet live und äußerst nah am Geschehen aus dem CERN Control Centre3. Das ganze sehr locker, allgemeinverständlich aber auch für uns Profis mit hinreichender Information. Soweit mir bekannt, wird erstmalig ein Experiment so intensiv auf Twitter begleitet. Selbst die NASA, sonst immer sehr weit vorne in ihrer Öffentlichkeitsarbeit, hat mit dieser Frequenz und Tiefe noch nie ein Event begleitet. Wirklich empfehlenswert – auch wenn ihr Kommunikationswissenschaften4 studiert, denn @CERN entwickelt sich gerade zu einem Kommunikationsparadebeispiel. »LHC« und auch »CERN« haben es am Freitagabend, als es in die heiße Phase5, in die Trending Topics von Twitter geschafft – dort werden automatisiert die aktuellsten Diskussionen in Schlagworten aufgegriffen. Das Thema ist also bei der Allgemeinheit angekommen und wird erstaunlicherweise ganz ohne Weltuntergangsszenarien mitverfolgt (im Gegensatz zu letztem Jahr).
Aber nicht nur über @CERN kommt man auf Twitter an LHC-bezogene Informationen. Unter @CMSexperiment wird vom … CMS-Experiment getwittert. Wer genau dafür verantwortlich ist, keine Ahnung, aber hin und wieder gibt’s neue Updates und sie kommen von offizieller Stelle6.
Ein Kommilitone und ich haben den CMS e-commentary (s.u.) in einen RSS-Feed7 umgewandelt, den wir in den Twitter-Account @CMSecom füttern.
Darüber hinaus gibt es noch den (nicht so interessanten) Twitter-Account des US-LHC-Blogs @USLHC und auch das Symmetry Magazine retweeted unter @symmetrymag. Direkt in den einzelnen Kontrollzentren wird von persönlicher, unoffizieller Seite auch getwittert – mir bekannt ist da allerdings nur @pixieza.
Wer nicht alle diese Accounts direkt in seiner Timeline haben möchte, kann auch einfach dieser High-Energy-Physics-Liste von @sumomi folgen: http://twitter.com/list/sumomi/highenergyphysics.
Blogs, bzw. Blog-Like Websites
Die Webseite, die momentan am besten mit Bildern und Text arbeitet, gleichzeitig am schlechtesten von der Ausführung ist, ist meiner Meinung nach der CMS e-commentary. Aus der Sicht des CMS-Experiments und aus dem CMS-Kontrollraum am Punkt 5 des LHCs berichtet Darin Acosta in losen Abständen über Neues. Warum dafür kein vernünftiges System benutzt wurde8 ist mir allerdings schleierhaft…
Auch das ALICE-Experiment verfügt über eine Art Live-Blog, das aber nur spärlich gefüllt ist.
Nicht ganz so auf die Schnelle, dafür illustriert und fundiert informiert das US LHC Blog.
Nicht ganz so offiziell, dafür aber mit umso mehr Enthusiuasmus gibt’s bei LHC Facts gute Zusammenfassungen.
Media Ressourcen und et cetera
Neben allem Textlichen gibt’s den Media-Server des CERNs, auf dem zum Thema »LHC Restart 2009« ein Haufen Fotos veröffentlich werden. Videos gibt’s an anderer Stelle.
Und es gibt den Videotext unter den Webseiten: LHC Page1 oder OP Vistars. Dort werden Strahlprofil und Mini-Statusmeldungen angezeigt. Ganz interessant eigentlich.
Und ich so…
Das ist wirklich einiges an Information. Ich handhabe es so, dass ich meinen Twitter-Account, insbesondere in Bezug auf @CERN, monitore und jede Stunde, bzw. bei interessantklingenden Tweets von @CMSecom, den CMS e-commentary aufsuche. Nebenbei hab ich der/die/das/artikellos OP Vistars auf und schaue immer mal drauf.
Das läuft eigentlich ganz gut und ich fühle mich einigermaßen informiert.
Und ihr so?
Püntklich zum Start gestern hat übrigens auch die großartige Big-Picture-Serie des Boston Globe ein Feature für den LHC gebracht.
Nachrag 24.11. von André: Tadaa! Das, wozu man letztes mal nicht kommen konnte, weil
ein Terrorvogelein Kurzschluss den LHC lahmlegte, das hat gestern geklappt:Erste Kollisionen! (→ Pressemitteilung)
Und weil es so schön ist, hat man diese Nacht das erste Mal den Strahl nicht nur einfach im Kreis schwindelig werden lassen, sondern hat ihn dabei auch noch beschleunigt. Zwar erstmal nur von 450 GeV auf 540 GeV, aber immerhin. (→ Twitter)
Jeah Baby!