Archiv für die Kategorie 'Reales'

Wonders of the Solar System

Andere haben schnelle Autos, Briefmarken oder Koks. Wir haben TV-Serien1. Die kann man sich reinziehen, mit ihnen auf rasante Trips gehen und kann vor seinen Freunden von besonders seltenen und extravaganten Exemplaren schwärmen.

Eine Serie, die vor Seltenheit und Extravaganz nur so strotz, der wohl weltallerbeste Trip an sich ist, zugleich noch in unsere Nerdkerbe Physik sticht und damit ihren Extravaganzfaktor um ca. Pi Größenordnungen erhöht ist die BBC-Dokumentation »Wonders of the Solar System«.

Präsentiert von Professor Brian Cox, einer Art dokumentarischen Hauptdarsteller, geht es bei der fünfteiligen Doku um, na, wer rät mit?, richtig: Die Wunder unseres Sonnensystems. Es wird über Planeten berichtet, über Atmosphären und Monde, über Gravitation, lebendige und tote Sternenstaubansammlungen.

Die BBC muss sich Unmengen von Geld in die Hand genommen haben, denn zusammen mit Prof. Cox fährt sie in die entlegensten Ecken der Erde um die Effekte, die auf sonnensystemaler Ebene geschehen sind mit zugehörigen Bildern zu unterlegen. Und diese Bilder, auch wenn sie manchmal nur kurz sind! Junge, junge! In mitten dichter Gichtschwaden wird uns die Sonnenaktivität und ihre Auswirkungen auf die Stände von Wasserströmen näher gebracht. Cox steigt in ein spaciges Flugzeug um in extreme Atmosphärenhöhen vorzudringen — nur um zu erklären, wie Planeten zu ihrer (bzw. um ihre) Atmosphäre kommen.

Die Leistung der Sonneneinstrahlung erklärt er dort, wo es am heißesten ist auf der Erde. Na klar. Selbstredend steht er am Ufer des Ganges, wenn dort pünktlich zur Sonnenfinsternis ein hoher indischer Feiertag begangen wird. Sonneneinstrahlung führt zu Aufladungen, führt zu Entladungen, führt zu hübschen bunten Lichtern in der Atmosphäre. Und wo schaut man sich diese Aurora Borealis am besten an? Genau, auch in den hohen Norden verschlägt es ihn2.
Ich könnte so weiter machen, aber ihr seht, wohin der Hase läuft. Selbst wenn es nur relativ kurze Sequenzen sind, für die ein Erdenbeispiel eines Sonnensystemphänomens gebraucht wird — Brian Cox wird wie wild durch die Welt geschickt. Auf der einen Seite ist das völlig absurd und verschwenderisch. Auf der anderen Seite ist es großartig, begeisternd und hüllt Physik in Bilder, die sonst nur wir Physiker von ihr in unseren Pin-up-Kalender an der Wand sehen.

Wenn es dann mal mit den hübschen Aufnahmen nicht mehr reicht, eben weil noch keiner HD-Kameras in die Orbits von Sonne, Venus oder Jupitermonde geschickt hat, dann bedient sich »Wonders« ebenso tollen computergenerierten Animationen, die uns zumindest virtuell direkt in unser Sonnensystem katapultieren.

Allein schon wegen eben dieser Bilder und Animationen ist Wonders ein Schmaus für‘s Auge und macht fast dem bisherigen Mehrjahressieger des Awards für »Tollste Bilder in einer Dokumentation oder einem Interview«, Planet Earth3, den Frontplatz unsicher.

Aber dann ist da noch Brian Cox, dem es einfach nur Spaß macht zuzuschauen. Er strahlt über beide Ohren, wenn er uns etwas erklären darf und macht das mit einer Hingabe, die einfach nur astonishing ist. Dabei setzt er, ganz BBC-Zielgruppengerecht natürlich kaum physikalisches Hintergrundwissen voraus. Er erzählt einfach. Ganz locker. Und wenn dann doch mal ein komplexeres Problem auftaucht, nimmt er sich, was eben so um ihn herum liegt und erklärt es damit. Dabei hilft natürlich, wenn er dazu extra in eine noch entlegerne, noch farbenfrohere, noch staunenswertere Gegend geflogen wurde, wo er zufällig einen angekokelten Ast und ein paar Steine findet, um den Weg der Venus am Firmament zu erklären.

Ihr seht schon, »Wonders of the Solar System« gefällt uns außerordentlich gut.
Schaut es euch auch an und werdet ein bisschen physikalisch verzaubert.

Am besten tut ihr das in der größtmöglichen Qualität in einem extra für euch gemieteten Kino. Wenn ihr allerdings gerade weder Geld, noch Erpressungsmaßnahmen zur Hand habt: besorgt euch die Blu-ray-Disc und einen möglichst großen Fernseher.
Sollten eure digitalen Endgeräte noch aus dem Jahr 2009 sein: eine DVD ist ebenfalls kürzlich erschienen.
Und wer ganz, ganz böse ist, der kann sich auch mal anschauen, was es hier so so alles in diesem Internet gibt. Aber, nochmal: Ihr müsst das groß gucken. GROß!

Mehr zu »Wonders of the Solar System« in der Wikipedia.

Hier der Trailer zur Serie, auch verfügbar in 1080p, so dass ihr merken könnt, was ich mit GROß meine:

YouTube-Direktwondering

  1. Und wir haben Maxwellgleichungen und Ringintegralen. Klar. []
  2. Klar, auch im Süden gibt es Polarlichter, aber das wäre nun auch für die BBC zu aufwändig… []
  3. Übrigens ebenfalls eine BBC-Dokumentation… []

CroySat-2 vs. physikBlog – Liveblogging

Hier werden Basti und Andi am Donnerstag ab ca. 14:30 Uhr1 live aus dem ESOC Kontrollzentrum über den Start des CryoSat-2-Satelliten bloggen.


RSS-Link zur Live Coverage

Florian von nebenan wird ebenfalls ein Liveblog anschmeißen.

  1. Das ist wirklich ein »ca.« – wir werden sehen… []

CryoSat-2: Zeitplan und Video-Livestream

Währen wir uns hier in den physikBlog-Headquarters in Artikel einlesen, Strategien besprechen und letzte Technik für den CryoSat-2-Start morgen organisieren, ist man bei der ESA da schon etwas weiter. Zum Glück. Die sind ja schließlich kein Blog.

Via Livestream.com könnt ihr den Start von CryoSat-2 morgen live ab 14:00 Uhr vom Bildschirm zu Hause miterleben. Ich würde mal behaupten – ein perfekte Ergänzung zu unseren geschriebenen Wort. Bestimmt. Die Einbettung gibt’s nach dem Klick.

Was morgen wie wann (hoffentlich) passiert, das findet ihr in diesem Zeitplan.

Wir lesen uns dann morgen wieder. Aus dem ESOC. ‘CryoSat-2: Zeitplan und Video-Livestream’ weiterlesen

CryoSat-2 hebt ab… und das physikBlog ist dabei

Das Space Shuttle Discovery startete gestern mit diesem heißen Startbild. Bild der NASA.

Übermorgen, am Donnerstag, den 8. April 2010 werden endlich die großen Neuigkeiten des iPhone OS 4.0 bekannt gegeben. Endlich! Oh. Falsche Einleitung. Das kommt davon, wenn man die ganzen Tage nur von iPad und iPad und iPad liest. Ich probier’s nochmal.

Übermorgen, am Donnerstag, den 8. April 2010 wird endlich der CryoSat-2-Satellit auf seine Bahn geschickt. Und das physikBlog wird für euch vor Ort sein und vom Start berichten – live aus dem ESA-Kontrollzentrum.
Aber fangen wir vorne an…

Was bisher geschah…

CryoSat-2. Von unten. Bild der ESA.

Eigentlich müsste bereits ein CryoSat über unseren Köpfen seine Kreise ziehen. Seit fünf Jahren schon. Und das würde er auch, wenn da nicht diese verflixte Elektronik wäre. Am 8. Oktober 2005 startete der Originalsatellit CryoSat vom russischen Raketenstartplatz Plessezk. Leider konnten Raketenstufe zwei und drei nicht voneinander lassen und trennten sich nicht wie geplant – die Rakete kam auf eine falsche Bahn. Ein für solche Situationen vorgesehenes Notfallprogramm wurde eingeleitet und die Rakete kontrolliert irgendwo im Meer versenkt. Mit ihr der Satellit.
Schon bald nach dem Fehlstart war klar, dass die Anwendungsgebiete des Satelliten immer noch höchst interessant waren. Und so baute man einen nahezu identischen Bruder zu CryoSat – und gab ihm den fetzigen Namen CryoSat-2.

Aber CryoSat-2, was ist das eigentlich? Und welche Farbe hat das?

CryoSat-2 ist ein von EADS Astrium gebauter Satellit des ESA-Living-Planet-Programms, der die Kryosphäre, also die mit Eis bedeckte Fläche unseres Lieblingsplaneten, untersuchen soll. Zur Vermessung der Welt des Eises greift CryoSat-2 dabei auf SIRAL zurück. Das ist kein Putzmittel, sondern steht für SAR/Interferometric Radar Altimeter und ist ein Radarhöhenmesser, mit dem Höhe, Dicke und Neigung des Eises untersucht werden können. Man gewinnt wichtige Daten über die Schmelzenvorgänge des Eises und den daraus resultierenden Effekten1, die man schließlich zu Klimaberechnungen benutzen kann.
Zwar gibt es auch jetzt schon Satelliten, die das ewige, das nicht so ewige und das ehemals ewige Eis beobachten, aber keiner tut das mit der Präzision und Abdeckung von CryoSat-2. Insbesondere die Dicke des Eises kann bisher nicht mit genügender Genauigkeit vermessen werden. Gerade diese ist aber natürlich sehr wichtig, möchte man die Gesamtmenge des Eises auf der Erde und dessen Schmelzrate bestimmen.

Spetrakanalyse von CryoSat-2. physikBlog-Exklusivdarstellung.

Eine exklusive physikBlog-Spektralanalyse von CryoSat-2 hat übrigens ergeben, dass das Gerät zur Hälfte gold/silber und zur Hälfte blau/silber ist.

Bei der ESA gibt’s mehrere Seiten zu CryoSat bzw. CryoSat-2, auf denen ein Haufen Kram mit wunderbaren Bildern und Animationen erklärt wird. Toll!
Living Planet Programme – CryoSat-2
Special: CryoSat

Auch Florian kam uns2 zuvor und hat in seinem Blog ausführlich über CryoSat-2 berichtet.

Und jetzt?

CryoSat-2 wurde Anfang des Monats in seine Trägerrakete installiert und wartet jetzt fröhlich bis gespannt auf seinen Abschuss. Die Trägerrakete ist dieses Mal eine russische Dnepr-Rakete, die aus einem Raketensilo des Weltraumbahnhofs Baikonur startet3. Bei der Dnepr handelt es sich um eine umgebaute Interkontinentalrakete der Russen aus dem kalten Krieg, die man jetzt für 30 Millionen Dollar für seinen Lieblingssatelliten buchen kann4. CryoSat-2 sitzt im Kopf der Rakete, im »Krokodil«, das die wissenschaftliche Last auf 700 km Höhe aus seinen Zähnen entlassen wird.
Heute gab’s ein Rehearsal, eine Generalprobe, bei der die Kommunikation zwischen Baikonur und dem ESOC, dem Kontrollzentrum der ESA in Darmstadt getestet wird. Von dort wird die Mission begleitet.

Und übermorgen?

Hightech mit Holzverkleidung: Kontrollraum der ESOC (Quelle: Wikimedia)

Übermorgen wird es dann losgehen. Irgendwann gegen 17:00 wird die Rakete aus ihrem Silo geschossen und Kurs auf die ISS Unendlichkeit nehmen.
Die ESA hat Deutschlands raketigstes Blog eingeladen, den Start vom ESOC aus zu begleiten. Und das können wir uns natürlich nicht entgehen lassen. Daher startet hier Donnerstag mittag die Livebloggerei.

Und mit ein bisschen Glück gibt’s sogar heiße Raketenstartbilder. Rrrr5.

  1. Wie sich übrigens die Zeiten geändert haben…: Noch vor fünf Jahren wollte man CryoSat(-1) hochschießen, um überhaupt festzustellen, ob Eis schmilzt. Darum geht’s jetzt nicht mehr – jetzt geht’s um das »Wie«. []
  2. wie immer []
  3. Der Start musste übrigens ein paar Tage verschoben werden, weil auf dem Flughafen zuviel los war. Ich finde das schon irgendwie cool. Zuviel los. Auf ‘nem Weltraumflughafen. Tz. []
  4. Über die der Dnepr zugrunde liegende Interkontinentalrakete R-36M könnte ich mich ja noch auslassen! Größte gebaute Interkontinentalrakete. 36 Meter lang, 3 Meter dick. 11.000 km Reichweite. Umgerüstet zum Tragen von 10 Atomsprengköpfen, so dass mit einer einzigen Rakete die Fläche von Bayern bebombt werden konnte. Aber lassen wir das. Erstmal. []
  5. Dieses R ist zu rollen – sonst funktioniert das nicht []

Ich mach dich gesund, sagte der Mond


Achtung: Keine Erdachse, sondern eine Erdechse. Trotzdem ziemlich verrückt. (Foto by marfis75 on flickr)

Die Erde hat eine Verschiebung. Keine Streifenverschiebung zwar, aber mindestens genauso schlimm. Eine Achsenverschiebung!

Falls das physikBlog eine Schwachstelle hat, dann ist es die fehlende Überdisziplinaritätovierung1. Natürlich ist das keine wirklich bedeutende Schwachstelle, wenn überhaupt von Hyperfeinstrukturgrößenordnung, schließlich ist physikBlog der Superlativ von perfekt. Aber um wahrhaft physikBlog2 zu sein, tut halt auch ein gewisses Maß an Selbstkritik Not. Dem ist hiermit jetzt aber auch für das nächste Jahrzehnt genüge getan. Aber jetzt kommt der Schock: Das nächste Jahrzehnt wird ganze 4,6 Millisekunden kürzer als das letzte! Grund ist die Geophysik3.

Vor einigen Tagen gab es, wie ihr sicherlich aus der von euch bevorzugten Neuigkeitenquelle4 erfahren habt, ein schweres Erdbeben vor der Küste Chiles – es war das siebtschwerste jemals gemessene Erdbeben. Und dieses Erdbeben hat die Erdachse verschoben. Und deshalb dreht sich die Erde schneller. Kann man kaum glauben5, ist aber wirklich so. Einen interessanten Artikel darüber findet man zum Beispiel auf Spiegel Online.

Was passiert ist? Der Erdrutsch bewirkt, dass sich große Massen näher an die Erdachse bewegen. Und wie wir alle aus dem Physikunterricht wissen, dreht sich ein Körper schneller, wenn sein Trägheitsmoment kleiner ist. Bleibt die Masse gleich6, so ist das Trägheitsmoment kleiner, wenn die Masse näher an der Drehachse liegt. Dieser Effekt bewirkt im Falle des Erdbebens einen zusätzlichen Drall der Erde – sie dreht sich nun pro Tag 1,26 Mikrosekunden schneller. Das kann man zwar nicht messen, aber berechnen.
Zusätzlich hat die Verschiebung eine Versetzung der Erdachse um 8cm7 bewirkt. Da ich keine Geophysik kann, kann ich das aber nicht erklären. Erklärungsversuche gerne in den Kommentaren!

Zum Glück wird sich die Erde schon bald wieder genauso schnell drehen, wie sie das noch vor 2 Wochen getan hat. Der Grund dafür ist der Mond, der die Erde ständig ein wenig abbremst. Der Mond kann eben nicht nur Werwölfe und Wetterwechsel, sondern auch alles, was Doktor Brausefrosch kann.
Danke, Mond!

  1. Neologismus deluxe! []
  2. für Laien nochmal: physikBlog = perfektesten []
  3. Für die ich mich wahrlich nur äußerst selten interessiere, aber das hier ist interessant. Echt jetzt! []
  4. TV, Nachbarin, nerviger CNN-Banner auf euer Lieblingspornoseite []
  5. wenn man es so liest wie es hier aufgemacht ist []
  6. Die Erde schrumpft nur relativ langsam… []
  7. Wo? Im Bezug auf was? Hä? Lösung: Quelle = Nichtphysiker []