Jellyfish never dies.

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Ein Gast-Autor übernimmt die Redaktionstastatur, während sich André & Andi anderweitig die Finger wund tippen: Kerstin, ihreszeichens Biologiestudentin an der RWTH und damit prädestiniert, mit abgefahrenen Scheiß aus der Welt der Biologie die physikBlog-Leser zu erleuchten. Im ersten Artikel geht’s direkt rund: eine unsterbliche Qualle. Holt euch noch schnell Popcorn und eine Katze zum Kraulen und habt viel Spaß beim Lesen…
Bio-Exkurs, go!

Das Wissen um die eigene Sterblichkeit und das Streben nach ewigem Leben macht den Mensch zum Mensch.

Das Ignorieren der eigenen Sterblichkeit und die längst erreichte Transzendens ins Nirvana des ewigen Lebens macht den Turritopsis nutricola zum Turritopsis nutricola.

Der wohl berühmteste Fall von Parthenogenese weltweit. (Bild: artshooter)

Jedes Lebewesen ist seiner eigenen Ontogenie unterworfen – das heißt einer zeitlichen Entwicklung, derer man sich nicht entziehen kann. Man wird geboren, wächst, pflanzt sich fort, altert und eines Tages stirbt man. Bei Bakterien, einigen Einzellern kann man von einer potentiellen Unsterblichkeit1 reden: Ein Individuum teilt sich ohne Substanzverlust in zwei komplette Tochterindividuen auf. Man kann Unsterblichkeit auch aus dem Blickwinkel betrachten, dass das Weiterleben des kompletten Genomsatzes in einem neuen Individuum schon potentielle Unsterblichkeit ist. Unter diese Betrachtungsweise fallen Tiere, die sich durch Parthenogenese – zu Deutsch Jungfernzeugung – vermehren. Zu diesen Tieren gehören zum Beispiel Blattläuse, verschiedene Reptilien, Truthühner, das höchst interessante Bärtierchen und Einhörner2.

Ein Bärtierchen schmeißt sich in Pose. (Bild: Bob Goldstein & Vicky Madden, UNC Chapel Hill)

Weibliche Exemplare dieser Arten können mit Hilfe von unbefruchteten Eizellen voll funktionstüchtige Nachkommen auf die Welt bringen. Diese Art der Fortpflanzung wird meist in Abwesenheit von Männchen vollführt und ist nur ein Kompromiss in Sachen Unsterblichkeit. Denn das Ursprungsindividuum geht im Laufe der Zeit zu Grunde.
Doch Turritopsis nutricola treibt dieses Gedankenspiel der potentiellen Unsterblichkeit auf die Spitze. Die Unsterblichkeit dieser Quallenart wird nicht durch Weitergabe des kompletten Genoms eines Elterntiers erreicht, sondern dadurch, dass die Individuen scheinbar in der Entwicklung vor und zurück springen können. Benjamin Button 2.0 sozusagen. Quallen werden normalerweise nicht sonderlich alt. Die Lebensspanne reicht von wenigen Stunden bis hin zu – in ganz seltenen Fällen – einigen Jahren.

Und trotzdem ist auch die schnöde Qualle von der Straße ein bemerkenswertes Tier. Quallen besitzen nur zwei einschichtige Gewebslagen, die Exodermis (Außenhaut) und Endodermis (Innenhaut). Dazwischen liegt die Mesogloea, das Wabbelzeug, dem der Jellyfish3 seinen Namen verdankt. Die Nesselzellen der Fangarme wurden lange Zeit als Gottesbeweis angesehen, da sich kein Zoologe der Welt vorstellen konnte, wie diese komplexe Struktur in der Evolution entstanden sein konnte. Zumal man sich vorstellen muss, dass Zwischenstadien in der Entwicklung höchstwahrscheinlich keinen Verwendunszweck hatten. Quallen gehören zu den wenigen radialsymmetrischen Tieren4, während der Mensch zu der großen Gruppe der bilateralsymmetrischen Tiere gehört5. Außerdem besitzen sie nur eine Öffnung sowohl für die Aufnahme von Nahrung, die Exkretion der verdauten Nahrung als auch für die Aufnahme von Spermien6.

Nicht unsterblich, aber auch hübsch: Die Spiegeleiqualle. (Bild: andreaponza)

Die Entwicklung von Quallen ist recht komplex. Die Qualle an sich ist meist nur ein Entwicklungsstadium, das erste Entwicklungsstadium ist das Polypenstadium. Polypen kann man sich als umgedrehte Quallen vorstellen, die mit dem Schirm am Substrat (also dem Untergrund) kleben und die Tentakeln in die Luft strecken. Aus diesen entwickeln sich die geschlechtsreifen Quallen, die nach der Fortpflanzung7 meist nicht lange zu leben haben.
Und genau das ist der Punkt, an dem Turritopsis nutricola den Lauf von Mutter Natur austrickst: Anstatt sich zur Ruhe zu betten und in die ewigen Jagdgründe einzugehen entwickelt sie sich einfach zurück zu einer vor Kraft und Jugend nur so strotzenden Polype. Indem aus dem Außenschirm der Meduse8 durch Transdifferenzierung neue Polypen entstehen, die genetisch vollkommen mit dem Ausgangstier übereinstimmen, lebt die Qualle fast ohne Substanzverlust in ihren Nachkommen weiter. Die Polypen genießen die Zeit des Sturm und Drangs, entwickeln sich weiter und werden eines Tages erwachsene Quallen, die sich verlieben und ihr erstes Mal erleben. Und der Kreislauf des ewigen Lebens beginnt von vorne. Doch auch hier gilt: Kommt der große Fisch und macht “Hamm!”, dann war es das mit der Unsterblichkeit.

Als Transdifferenzierung von Zellen wird der Vorgang beschrieben, wenn sich Zellen, die keine Stammzellen9 sind, in Zellen eines anderen Typs entwickeln. Dies passiert beim Menschen z.B. wenn man unter dem Barret-Ösophagus leidet. Bei diesem Krankheitsbild entwickeln sich die Zellen der unteren Speiseröhre zu typischen Darmzellen10.

Und was ist jetzt unser Fazit aus der Geschichte? Feste drücken, vielleicht sprießen dann auch kleine Miniatur-Ichs aus uns. Zum einen wäre man so unsterblich, zum anderen wäre es eine prima Methode, die Weltherrschaft zu übernehmen.

  1. Von potentieller Unsterblichkeit redet man in diesem Zusammenhang, da diese Individuen immer noch anfällig für Tod durch Krankheiten, Verletzungen oder Fraßfeinde sind. []
  2. Die hochnäsigsten Tiere der Welt sind sich zu fein für schmutzigen Verkehr. []
  3. englisch jelly = Gelee []
  4. Das heißt, sie haben mehr als nur eine Symmetrieebene. So wie die radialsymmetrischen Potentiale der letzten Klausur in Theoretischer Physik. Ihr wisst schon. []
  5. Tiere mit einer Symmetrieebene. Die zwei Hälften verhalten sich wie Bild und Spiegelbild zueinander []
  6. Quallen machen’s mit dem Mund. Hihi. []
  7. Bei den Quallen passiert das auf eine ganz unpersönliche Art. Der eine stößt die Spermien aus, die andere schluckt sie und schon kommen die Babys. Samenspende naturelle. []
  8. Die erwachsene Qualle, die mit ihrem Schirmchen und den Tentakeln durch das Meer dümpelt heißt so in Schlau []
  9. Die Alleskönner unter den Zelltypen. []
  10. Die Autorin ist sich nicht sicher, ob dieser Prozess nicht vielleicht auch für die Entwicklung zu einem Arschgesicht verantwortlich ist. []
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6 Antworten auf Jellyfish never dies.

  1. Senfi sagt:
    #1

    Ich hoffe, mein Flattr-Beitrag für diesen tollen Artikel kommt anteilig der Kerstin zu Gute! Als Anzahlung für die nächste Kreuzfahrt zum Quellen-Live-Ansehen!

  2. Andi sagt:
    #2

    Natürlich!

  3. Basti sagt:
    #3

    Wow. Du solltest einen Biologie-Blog aufmachen. Oder wir benennen diesen Blog in Naturwisschenschafts-Blog um und machen verschiedene Sub-Blogs auf. Dann bräuchte man nur noch einen Chemiker. Man könnte auch noch einzelne Sub-Sub-Blogs aufmachen, z.B. das quallenBlog. Vielleicht könnte man das ganze dann sogar sozusagen als Enzyklopädie betreiben. Wenn man das einfach öffentlich zugängig machen würde, so dass jeder sein Wissen beisteuern könnte…

    Naja, was ich sagen wollte: Super! Sehr interessant. Mehr davon :)

  4. Kerstin sagt:
    #4

    Yay, danke für das Lob.

    So ein Biologie-Blog wäre was feines. Aber nachher schläft der nur wieder ein, wie mein feministischer Blog. :P

  5. Knox sagt:
    #5

    Ich bin mir zwar auch nicht ganz sicher was dieser Artikel speziell mit dem Thema Physik zu tun hat, aber ich muss sagen liest sich auch aus meiner Sicht ziemlich gut.
    Gute und informative Zusammenfassung!
    In diesem Sinn freundliche Grüße von einem Biologie Studenten…

  6. Raumfisch sagt:
    #6

    würde gern noch mehr hören! Beschäftige mich seit 21 Jahren mit Quallen. Mehr als 20 Arten aller Weltmeere und in jahrelanger Monokultur….vom Polypen bis, bei einigen, zur Nächsten Generation über die Geschlechtstiere…Quallen. Würde mich über Gedankenaustausch freuen! Altertumsforschung is was ganz interessantes, denke ich….und der medizinische Aspekt ist auch nicht ohne. LG

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