Die Hintergründe des Orakel-Oktopus

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Ein gewöhnlicher Kraken schwimmt ganz gewöhnlich daher. (Bild: Morten Brekkevold)

Falls es jemand unserer Leser trotz des enormen Medienechos nicht mitbekommen hat: Es gibt im Sea-Life-Center in Oberhausen einen Oktopus (Octopus vulgaris) mit Namen Paul, der für die Deutschlandspiele der letzten beiden großen Fußballtuniere (EM 2008 und WM 2010) Vorhersagen über den Spielausgang gemacht hat. Dafür bekommt Paul zwei simple Kästchen mit schmackhaften Muscheln vorgesetzt, deren Rückwände mit den Landesflaggen der Kontrahenten beklebt sind. Welche Box er zuerst wählt, diese Mannschaft soll gewinnen.

Beflaggte Knabberkisten für Paul.
(Bild: Wikipedia)

Soviel der Einleitung. Das Interessante an der Sache ist, dass der Kraken alle sieben Spiele bei dieser WM mit deutscher Beteiligung sowie das Finale korrekt vorhergesagt hat. Geht man davon aus, dass die Entscheidung rein zufällig getroffen wurde, ist die Wahrscheinlichkeit dafür 1/28 = 1/256. Zwar längst nicht unmöglich, aber doch schon recht unwahrscheinlich.
Vermutlich ist es aber eher so, dass die Entscheidungen des Kraken durch verschiedene Rahmenbedingungen vorbestimmt wurden.

Pauls bevorzugte Flaggen (links).

Eine Theorie ist,1 dass Kraken auf Rot ansprechen, weil diese Farbe bei der Fortpflanzung eine besondere Rolle spielt. Das erklärt zwar die grundlegende Tendenz die deutsche Flagge zu präferieren und z.B. beim Halbfinalspiel dem erhöhten Rotanteil der spanischen Flagge den Vorzug zu geben. Es gibt aber einen entscheidenden Haken: gerade der gewöhnliche Kraken kann keine Farben sehen.

Die Einflüsse von Helligkeit und Formen hingegen dürften sich tatsächlich auf das Ergebnis der Wahl ausgeübt haben. So tendieren Kraken zu hellen Bereichen und bevorzugen horizontale Linien. Betrachtet man unter diesen Gesichtspunkten die verschiedenen Flaggen und gibt den horizontalen Linien ein stärkeres Gewicht als der Helligkeit, so ist die deutsche Flagge geradezu prädestiniert.
Und dass der Kraken dann die serbische und spanische Flagge der deutschen vorzieht kann sehr gut durch die höhere Helligkeit erklärt werden.

Gegen diese Theorie spricht aber z.B. die sehr helle argentinische Flagge, die nicht gegen die deutsche “gewonnen” hat. Am Ende ist es wahrscheinlich eine Mischung aus der Wahrnehmung der Flagge und gewissen Unterschieden im Futter, die den Kraken zu dem linken oder rechten Töpfchen wandern lassen.

Genauere wissenschaftliche Untersuchungen dazu stehen also noch aus. Wenn jemand für das physikBlog einen Kraken2 spenden will: wir würden uns — selbstlos wie wir sind — darum kümmern.

Paul der Kraken (eng)

PS: Glückwunsch Spanien!

  1. die mir gestern beim Bierchen von einer Biologin erzählt wurde… []
  2. und natürlich Aquarium, Inneneinrichtung sowie Futter und einen Pinguin []
Kurzlink
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13 Antworten auf Die Hintergründe des Orakel-Oktopus

  1. patrick sagt:
    #1

    Die Krake könnte natürlich auch beim nächsten Physikblog-Gewinnspiel die Auslosung vornehmen. Das Kätzchen hätte mal Pause… :)

  2. Thomas sagt:
    #2

    In der Gruppenphase hat Deutschland gegen Serbien verloren, was Paul auch vorhergesagt hat. In der Hinsicht stimmt also die Grafik nicht ganz.

  3. Matthias sagt:
    #3

    Ich finde es sehr lustig, dass der Krake “mit schmackhaften Muschen” vorgesetzt bekommt :D Ne was ein versautes Tier…

  4. Andi sagt:
    #4

    Jetzt wäre nur noch zu klären, welcher Zufall dafür verantwortlich ist, dass die Mannschaften nach der Helligkeit und Gradlinigkeit ihrer Flaggen spielen.
    (»Muschen« ist korrigiert.)

  5. Basti sagt:
    #5

    Die Frage ist ja: Macht das jetzt einen Unterschied, ob das ein reiner Zufallsprozess ist, oder an Farbe und Helligkeit der Flaggen liegt, an den Größenverhältnissen der Muscheln und daran, ob aus dem einen Kasten mehr “Muschelgeruch” (wie heißt das unter Wasser?) entweicht als aus dem anderen?

    Ich würde ja mal ganz dreist behaupten, dass die Korrelation zwischen Nationalflagge und Erfolg der Nationalmannschaft gegen Null tendiert. Also 50/50 Chance. Wenn ich jetzt mal davon ausgehe, dass der Tierpfleger Ahnung von Fußball hat und die Muschelgrößen sowie die Kästen entsprechend präpariert, dann ist die Chance vielleicht etwas besser als 50%, andererseits: Wer mit Fußballverstand hat denn bitte auf Serbien gesetzt?

    Insgesamt kommt man mit diesen Theorien also vielleicht nicht auf eine Chance von 1/256, sondern sagen wir mal 1/230 oder so. Immer noch genauso unwahrscheinlich, immer noch genauso bekloppt, immer noch ein gutes Argument beim Roulette auf das Martingalespiel (Danke, Wikipedia!) zu verzichten.

    Ich halte es übrigens für viel wahrscheinlicher, dass das Fliegende Spaghettimonster ob seiner Ähnlichkeit zu Paul seine Finger da im Spiel hatte.

  6. André sagt:
    #6

    @Thomas: Danke! Grafik ist geändert.

  7. David sagt:
    #7

    Die naheliegendste Lösung wird hier leider völlig außen vor gelassen:

    Kraken sind einfach unheimlich intelligente und sensible Tiere, die die determinierten Abläufe unserer Welt gut und gerne ein paar Tage im Voraus wahrnehmen können.

    Sieg Sepia!

  8. Andi sagt:
    #8

    Was wiederum für die Manifestierung des fliegenden Spaghettimonsters sprechen würde…!

  9. Matthias sagt:
    #9

    Was ich für eine sehr gute Sache halten würde =)

  10. Marc sagt:
    #10

    Interessant ist vorallem, dass der Kraken bei der EM2008 die deutsche Flagge der Kroatischen vorzog (die ziemlich wie die Serbische aussieht) und dabei falsch lag
    und ebenso die Spanische in der EM noch verschmähte (und dabei auch falsch lag)

    vielleicht hat er daraus gelernt und sich deswegen diesmal anders entschieden?
    Die Verwechslung von Kroatien mit Serbien kann man nem Kraken wohl noch durchlassen;)

  11. Jens sagt:
    #11

    Vielleicht hat man auch in den Zoos von 256 deutschen Städten Kraken befragt und der Krake, der alle 8 Begegnungen richtig vorhergesagt hat, ist in die Zeitung gekommen?

  12. Sarah sagt:
    #12

    haha großes kino – hab mir grad auch den Wikiartikel gelesen und komm aus dem lachen nicht mehr raus

    was für eine verrückte welt

  13. #13

    Ich fand persönlich auch die Unmutsbekundungen aus Argentinien großartig, nachdem Sie verloren hatten, hat eine Zeitung Rezepte veröffentlicht, wie man Paul am Besten servieren sollte… ;)

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