Monatsarchiv für Oktober 2009

O Täler weit, o Höhen

Die Kernspaltung soll der Legende nach auf einem Spaziergang erklärt worden sein. Überhaupt sieht es so aus, als ob die Elite der theoretischen Physik des beginnenden 20. Jahrhunderts ihre bahnbrechenden Ideen mehrheitlich auf Spaziergängen entwicklet hat. Ob allein oder zu zweit, das Ausarbeiten neuer Modelle scheint oft eng verbunden mit einem Streifzug durch die Natur.

Und heute? Investigativjournalisten des kongenialen physikBlogs führten intensivste Recherchen in den theoretischen Instituten der weltweit führenden Eliteunis durch. (Lies: ein Stockwerk nach oben und bei der Flurverzweigung links, den Kommilitonen guten Tag sagen).
Die Erkenntnis: Gelieben ist eine Affinität zu Tafel und Kreide1. Was jedoch die Anregung des kreativen Gedankenstroms betrifft, so werden klassische Methoden wie das allseits beliebte Deckenstarren oder nächtliche Nähe zu ethanolhaltigen Essenzen als auch neuere Techniken wie exzessives Versinken in virtuelle violett-türkise Spielwelten, ausgiebiges Betrachten süßer Katzenbilder oder hingebungsvolles Tischkantenbeissen angewandt.2

Zur Verdeutlichung demonstrieren uns freundlicherweise Rajesh und Moonpie Sheldon eine typische Situation:

YouTube-DirektBESTESZENEZUEYEOFTHETIGEREVER!

Wir stellen fest: statische Arbeitsweisen dominieren. Was heißt das für die theoretische Physik? Wie beeinflusst dies den Weltfrieden und wichtiger noch: das physikBlog?
Bedeutet diese Dominanz statischer Techniken ebenfalls eine statische theoretische Physik? Wären wir heute in der Deutung der Welt weiter, geschähe dies dynamisch-spazierend?

Man weiss es nicht. Sollte sich ein mitlesender Theoretiker angesprochen fühlen, nimmt das physikBlog gerne Erfahrungsberichte über das Kontaktformular, Stichwort “Spaziergang“, entgegen.

  1. teilweise durch Papier und Bleistift ersetzt []
  2. Letzteres gerne als Reaktion auf all zu herrschsüchtige Doktorväter. []

Felicia Day erklärt wie Galaxien kollidieren – oder so

Wer kennt das nicht: Man steht extra früh auf, verzichtet mal auf’s Zähneputzen (aber wirklich nur dieses eine Mal), zieht sein Regencape an und geht zum Angeln. Man sitzt da, wartet auf Sonnenaufgang, Fische und seine Mitte und denkt sich: “Hey, wie ist das eigentlich, wenn Galaxien kollidieren?”

Um diese brennendste, aller astronomischen Fragen zu klären, hat die Gruppe des NASA Spitzer-Teleskops ein Lehrvideo erstellt.
Der Star dieses (ziemlich verrückten) 10-Minuten-Videos ist Felicia Day, neben den The-Big-Bang-Theory-Schauspielern die nerdigste aller amerikanischen Darsteller1. Achja: Und Sean Astin seine Stimme.


YouTube-Direktspitzen

Ja. Achtung, wenn in ein paar Jahren Glasstürme über’s Land ziehen. Unbedingt das alte Silberbesteck rauslegen, damit’s danach sauber ist.

Danke, psim.

  1. Wer »The Guild« noch nicht kennt – unbedingt nachholen! []

Re!

Particles are back in the LHC!

Vom Higgs zum Kartenspiel – oder andersrum?

Phänomenologische Zukunftsbeobachtung

Jeder Mensch, der auch nur einen Hauch Neugier und Forschergeist mitbringt, kommt früher oder später im Leben zu einer Überzeugung: Die Zuku…
– Nein, Moment. Also, eigentlich eher früher als später. Schon im Kindergarten, wenn Neugier und Forschergeist besonders groß sind1. Man sitzt so rum auf der großen bunten Steppdecke, spielt mit seinem Traktor, seiner Puppe, seinen Bauklötzen oder der Spritze, die man vorhin im Sandkasten gefunden hat. Auf einmal verspürt man einen Schmerz im Fuß und fragt sich, warum. Es scheint keinen Grund zu geben. Doch dann, plötzlich, ein paar Minuten später, fällt der Bauklotz auf den Fuß. Oder die Spritze, je nachdem. Und man kommt zu der Überzeugung …

– Nein. Vielleicht doch noch anders. Habt ihr die ersten Folgen von FlashForward gesehen? Auf einmal gucken alle in die Zukunft, alle handeln nach ihren Flashforwards, bauen Fotowände zusammen und sowas – und, zack, die Zukunft beeinflusst die Gegenwart. Und habt ihr euch da nicht auch gedacht: Na und!? Ist das nicht immer so?

Zukunft beeinflusst die Gegenwart.
Das wäre die Überzeugung, die zu den obigen Situationen passen würde. Eine Überzeugung, die vielleicht unsere Ur-ur-ur-ur-[...]-ur-ur-Enkel haben werden, wenn das Universum in ferner Zukunft wieder kollabieren sollte und dann die Zeit rückwärts läuft. Oder was der Hawking mir damals in seiner länglichen Geschichte der Zeit erzählen wollte.
Auf jeden Fall ist es nicht die Überzeugung, die wir haben. Und das ist laut Ansicht zweier Forscher falsch.

Beweis durch Fail

Holger Bech Nielsen
Holger Bech Nielsen
Masao Ninomiya
Masao Ninomiya (via)

Die beiden Physiker Holger Bech Nielsen vom Niels-Bohr-Institut in Kopenhagen und Masao Ninomiya2 behaupten, dass die Zukunft Einfluss auf die Gegenwart hat. Und dass wir gerade live dabei sind, genau dies zu erleben. Hauptdarsteller in dieser schönen Geschichte sind unsere beiden liebsten physikalischen Kuscheltiere: Der LHC und das Higgs-Teilchen.

Das Higgs-Teilchen darf nicht gefunden werden! Denn wenn es gefunden würde, dann würde etwas sehr sehr Schlimmes geschehen. Was, und wie schlimm, das verraten uns die beiden Autoren nicht3. Darum geht es aber auch gar nicht.
Denn zum Glück verhindert das Higgs selber seine eigene Entdeckung — aus der Zukunft. Beschrieben ist das ganz nett in einem Essay der New York Times4. Der LHC muss demnach also scheitern. Wenn in der Zukunft viele Higgs-Teilchen erzeugt werden, dann beeinflusst dieses Ereignis aus der Zukunft die Gegenwart, und verhindert die eigene Entdeckung.
‘Vom Higgs zum Kartenspiel – oder andersrum?’ weiterlesen

  1. bei den meisten Menschen nimmt das ab da ab – bei Physikern nicht; die bleiben quasi im Kindergarten stecken []
  2. der bestimmt auch eine eigene Homepage hat []
  3. Scooby Doo? Where are you? []
  4. einloggen geht mit aa115511@trash-mail.com, PW: 115511, wir wollen ja nicht dass unsere Leser zu viel arbeiten müssen []

Publikationen in der Physik – Eine Anleitung

Folgende Beschreibung ist an den gemeinen forschenden Physiker (gfP) gerichtet. Sie behandelt das korrekte Erstellen wissenschaftlicher Publikationen in der Physik und soll als Hilfestellung verstanden werden.

Wissenschaftliche Artikel verfügen meist über eine Zusammenfassung (neudeutsch: “abstract”), die sehr aussagekräftig sein kann oder auch nicht, eine Einleitung, Hauptteil und eine Schlussfolgerung. Ein weiteres, hier nicht erschöpfend abgehandeltes Thema ist die anschliessende Danksagung.

I. Beschleunigerphysik

Teilchenbeschleuniger sind gross. Sehr gross. Meist werkeln da Dutzende von Forschungsgruppen dran rum. Dementsprechend sind die ersten zwei Seiten einer solchen Veröffentlichung schon durch die Nennung der Namen gefüllt. Weitere zwei Seiten gehen für die Referenzliste drauf. Macht bei einer durchschnittlichen Publikation von acht Seiten noch deren vier, die mit Resultaten zu füllen sind.  Verzichte deshalb auf  vernünftige Einleitung und Schlussfolgerung und verknappe den Text sosehr, dass gerade noch die in das Experiment involvierten Leute verstehen, worum es geht.

II. Theoretische Physik

Überzeuge deinen Leser, dass deine Arbeit eine praktische Anwendung hat. Dabei ist völlig irrelevant, ob dem auch so sei. (Doch die Begründung “Reines Selbstvergnügen” reicht nicht, um an Forschungsgelder zu gelangen.) Als anwendungsnahe gelten in dieser Disziplin beispielsweise eindimensionale Galaxien.

Benutze die Formulierung ”after some trivial calculations”, um die Arbeit zusammen zu fassen, die deinen armen Doktoranden zwei Monate lang schlaflose Nächte und kein Privatleben bescherte.

Führe einen neuen Formalismus ein oder ändere zumindest einige Symbole, um dich bei deinen Kollegen besonders beliebt zu machen.

Exkurs: Die Publikationsverweigerung

Bei der Publikationsverweigerung kann grundsätzlich zwischen zwei Arten unterschieden werden:

  1. Verweigerung aus edlen Gründen
  2. Notwendige Bedingung: Kein Bedürfnis der Selbstbestätigung durch Dritte.
    Hinreichende Bedingung: Ein Genie zu sein.
    Kommt in der Praxis relativ selten vor, wird von der physikalischen Gesellschaft gerne mit einem liebevollen Kopfschütteln bedacht.

  3. Verweigerung aus anderen Gründen
  4. Notwendige Bedingung: Verfüge über eine längerfristige Geldgarantie. Da bietet sich besonders Vater Staat an. Besonders erfolgreich sind auch undurchsichtige Verwicklungen mit Vater Staat und privaten Interessenten. Achtung: diese Praxis wird von der physikalischen Gesellschaft gerne lautstark verwünscht.

Exkursende.

Andi: Ihr habt soeben den ersten Beitrag unserer neuen physikBlog-Autorin Christine gelesen! Christine wird als fünfte Person in die Riege der physikBlog-Autoren einsteigen. Und das ist nicht nur toll, weil Christine mindestens so toll bloggt wie die restlichen physikBlogger (!) (s.o.), nein, sondern das ist auch toll, weil fünf ungerade und prim gleichzeitig ist. Toll, nicht?1
Jedenfalls: Willkommen, nimm’ dir ‘nen Keks und leg’ den digitalen Stift besser gar nicht erst wieder hin.
  1. Besser wäre nur sechs. Oder sieben. Oder… []