Weltraumzentrum mit doppelter Staatsangehörigkeit: Baikonur

1
Kommentar
Cape Canaveral Launchpads

Wenn es um Raumfahrt geht, da denkt man als Standardkulturellgeprägter immer an die USA. Von Houston aus werden die Probleme gelöst, von Cape Canaveral bzw. mittlerweile vom Kennedy Space Center starten sie. Das Ganze dort sieht amerikanisch-typisch sehr beeindruckend aus. Abflugrampe neben Abflugrampe.
Wenn man etwas länger darüber nachdenkt1, stellt man fest, dass wir Europäer ja mittlerweile2 auch im Weltraum angekommen sind. Wir haben unseren eigenen Weltraumbahnhof. Der steht im südamerikanischen Französisch-Guayana, in der Nähe vom äquatornahen Kourou.

Aber da gibt es ja noch ein weiteres Land, was viel im Weltraum macht und machte: Russland.
Wie sieht es mit deren Raumfahrthafen aus?

Baikonur Rakete

Der russische Weltraumbahnhof, also, DER russische Welraumbahnhof befindet sich in Baikonur – im kasachischen Baikonur.
Denn dort wurde nach dem zweiten Weltkrieg, also zum Anfang unserer Lieblingswettrüstungszeit, Ende der 50er Jahre eine Teststation für Langstreckenraketen errichtet. “Da” ist allerdings nicht ganz korrekt – denn das Forschungszentrum war weit entfernt von der Stadt »Baikonur« und mehr im Nichts gelegen. Als dann aber erste Raketen vom Bahnhof starteten und durchaus pionierhafte Erfolge lieferten – »erster Satellit –«, »erstes Tier im All«, »erstes Tier im All was auch wieder zurück kommt«, erstes… naja, eigentlich Alles bis auf »erster Mensch auf dem Mond« – als also etwas Tolles dort passierte, wollte die russische Propagandamaschine dem Volk3 auch einen Namen verkaufen. Und das wurde schließlich Baikonur – bis irgendwann der Ort tatsächlich so umgenannt wurde.

Baikonur Huckepack zum Transport

Aber noch ein mal auf das großgeschriebene DER zurückzukommen; warum DER?! Russland hat ein paar Weltraumbahnhöfe4, aber Baikonur ist mit Abstand der wichtigste. Von dort aus starten nicht nur alle bemannten Missionen, sondern sogar insgesamt 70 % aller russischen Flüge.

Zwischendurch passierte etwas arg Blödes, weshalb man als aufrichter Bürger Baikonurs zwei Gesetzesbücher auswendig lernen muss: Die Sowjetunion zerbrach. Und damit lag das 40 Jahre ausgebaute, hochspezialisierte und mit 100.000 Einwohnern bevölkerte Weltraumzentrum auf einmal im neuen Kasachstan. Russland und Kasachstan konnten sich nicht so recht über eine Zusammenarbeit einigen. Das Personal vor Ort blieb unbezahlt, das Gelände wurde geplündert. 1994 dann schließlich schaffte man doch eine Übereinkunft und einigte sich auf einen Vertrag. Russland pachtete für jährlich 115 Millionen Dollar5 das Gelände von Kasachstan, worauf hin in Baikonur sowohl russisches, wie auch kasachisches Recht gilt. Eine Zwei-Staaten-Stadt.

Start einer Rakete von Baikonur

Mit der Zeit geht es dem größten Weltraumbahnhof der Welt schon wieder besser, es starten kommerzielle und staatliche Raketen – z.B. zur internationalen Raumstation ISS.
Um sich von der Abhängigkeit von Kasachstan zu lösen, findet Ende diesen Jahres der erste Spatenstich eines neuen Kosmodroms mit dem Namen Wostotschny statt. Im äußerten Osten Russlands, fast schon in China gelegen, sollen ab 2015 die Sterne von dort erklommen werden. Außerdem hat die russische Raumfahrtagentur einen Vertrag mit der ESA geschlossen, der ab 2010 Starts der Sojus-Raketen von Kourou vorsieht.

Was vor ein paar Jahrzehnten wegen des eisernen Vorhangs noch unmöglich war, kann man jetzt dank des Internets nachholen: Fotos gucken von Baikonur.
Ich finde es super Interessant, den typisch russischen Stil6 in allen Gerätschaften zu sehen, diese andere, nicht hollywood- und presse-bekannte Raumfahrtkultur zu begutachten…

Es gibt Big Pictures aus dem Kosmodrom Baikonur, auf English Russia ein paar Bilder, die ESA hat welche bei flickr hochgeladen.
Und, natürlich, god bless the internet, kann man das Gelände virtuell via Google Maps erkunden. Hier geht’s zum Beispiel zur Abflugrampe, von der Uri Gagarin damals in den Äther aufgebrochen ist7.
– Beides eingebunden nach dem Klick.

Viel, viel, viel mehr Info zu Baikonur gibt’s auf8
? russianspaceweb.com,
? astronautix.com,
? ROSKOSMOS


Karte des kompletten Geländes mit markierten Startrampen (in Russisch):

???????? auf einer größeren Karte anzeigen

Hier zentriert auf das Launchpad Juri Gagarins:

Größere Kartenansicht

Hinweis zu den Bildern: Das erste und das letzte Bild entstammen den Archiven der NASA, die dazwischenbefindlichen Bildern sind aus dem verlinkten Beitrag auf Englishrussia.com entnommen.

  1. Der fleißige physikBlog-Leser hat da natürlich als aller erstes dran gedacht! []
  2. Jaja, wissentliche Übertreibung. Man verzeihe mir das. []
  3. Und den Amerikanern… []
  4. Insgesamt vier Stück, mit einem fünften gerade im Bau befindlichen – s.u., also s.o.… ach, siehe Text. []
  5. Und nicht für den erst von Kasachstan vorgeschlagenen Milliardenbetrag… []
  6. Der in meinen Augen immer so sehr zusammengeproscht, dreckig und falsch aussieht, dann aber doch auf wundersame weise funktioniert (und erstaunlich zuverlässig…). []
  7. Eine Liste mit den Koordinaten der Startpositionen gibt’s in der englischen Wikipedia. []
  8. aber Achtung, ihr solltet Zeit haben… []
Kurzlink
Kategorien: Erklärbär
Tags: , , , , , ,

Eine Antwort auf Weltraumzentrum mit doppelter Staatsangehörigkeit: Baikonur

  1. Senfi sagt:
    #1

    Heiße Raketenstartbilder mitten im Sommer? Du bist doch bekloppt!

  1. Pingback: CryoSat-2 hebt ab… und das physikBlog ist dabei bei physikBlog