Österreich sagt dem CERN tschüss

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Letztens noch wow, heute schon Au! Meldungen zum CERN sind ein Wechselbad der Gefühle.

Österreichs Wissenschaftsminister Johannes Hahn hat gestern verkündet, dass Österreich zum Jahr 2011 aus der Mitgliedschaft des CERNs aussteigen wird. Als Grund wird aufgeführt, dass der Beitrag mit etwa 23 Millionen CHF1 zu viel sei — das sind immerhin 70 % des gesamten österreichischen Budgets für Mitgliedschaften in internationalen Kollaborationen. Nach einer ausführlichen Prüfung auf Nutzen und Sinnhaftigkeit diverser Mitgliedschaften habe man festgestellt, dass man mit dem aktuellen Beitrag am CERN in großen Projekten mit über 2000 Mitarbeitern untergeht.

Die Gründe mögen auf den ersten Blick vielleicht nachvollziehbar erscheinen, aber ganz so einfach darf man es sich nicht machen. So ist das, was am CERN — teilweise als Nebenprodukt — entwickelt wird, für die gesamte Menschheit von Bedeutung, ich verweise hier mal auf das Word Wide Web oder die Erfahrungen mit Teilchendetektoren, die Kernspintomographen und ähnliche wichtige medizinische Einrichtungen erst möglich machten.
Wichtiger als der eigene Name über den konkreten Projekten ist meiner Meinung nach die allgemeine Unterstützung dieses Wissenschaftszentrums in Genf. Und natürlich gibt es am CERN nicht nur die Experimente mit den tausenden Mitarbeitern.

Auf finanzieller Seite gibt es noch den Punkt, dass nicht alles investierte Geld aus Österreich “verloren” und in den internationalen Äther gesteckt ist. Georg Holzer hat das seinem Blog zusammengefasst:

Immerhin: 80 Prozent des einbezahlten Betrages gehen indirekt oder direkt wieder nach Österreich zurück – sei es in Form von Löhnen an österreichische Wissenschaftler am CERN oder in Form von Aufträgen an heimische Firmen und Institutionen.

[Update 16:40 Uhr:] Mittlerweile habe ich gehört, wie viele Personen das betreffen würde. 50 Österreicher arbeiten fix am Cern, 120 verdienen dort ebenfalls ihre Brötchen: Studenten oder Doktoranden. Macht in Summe 170 Personen. Und 50 Prozent des österreichischen Budgets geht in genau diese Personalausgaben.

Übrigens ist der Wissenschafts- und Forschungsbudget letztens erst zunächst um 15% (2009) und schließlich nochmal um 10% (2010) auf 3,74 Milliarden Euro angehoben worden.2 Herr Hahn sagt daher für mich etwas widersprüchlich:

Das Wissenschafts- und Forschungsbudget zeigt deutlich: Wissenschaft und Forschung sind ein klarer Schwerpunkt dieser Bundesregierung. Wir investieren gerade jetzt in diese Bereiche, um gestärkt aus der Krise hervor zu gehen

Dabei frage ich mich, was denn näher an der Grundlagenforschung liegt, als der weltweite Zusammenschluss am CERN, der an verschiedensten Stellen nach neuen Erkenntnissen sucht. Hoffentlich bald3 wird der LHC ganz neue Einblicke darin geben, wieso wir eine Masse haben, warum das Universum sich so ausgebildet hat, wie es sich nunmal ausgebildet hat und natürlich vieles mehr.

Irgendwie ist es schade, dass bei Johannes Hahn der Gedanke der Grundlagenforschung nicht so ganz angekommen ist. Nämlich, dass um des Wissens willen geforscht wird. Und dafür ist es unerheblich, wie viel man beiträgt, Hauptsache man trägt bei.

(via Astrodicticum)

  1. Für die Euro-Verwöhnten: Das ist das Zahlungsmittel in der Schweiz, die Franken. Also Geldstücke mit Namen “Franken”, nicht die Menschen der dazugehörigen Landregion in Süddeutschland. []
  2. Quelle: heise.de []
  3. Ich vermute, dass die Verzögerungen ebenfalls in die Entscheidung eingeflossen sind … []
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Kategorien: Forscherisches, Weltiges
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7 Antworten auf Österreich sagt dem CERN tschüss

  1. Basti sagt:
    #1

    23 Mio. CHF klingen jetzt ehrlich gesagt gar nicht sooo viel. Also, schon viel, aber nicht so unglaublich viel dass es sich dafür nicht lohnen würde.

    Ösis…

  2. ohai sagt:
    #2

    Ein spannender Beitrag! Besonders gut gefällt mir der Versuch die wahren Gründe für den Austritt zu ergründen. Weitere spannende Infos zu diesem Thema habe ich hier gefunden:
    http://klarseher.wordpress.com/2009/05/09/unterirdischer-krieg/

  3. nominate Wilson sagt:
    #3

    …leider geht es nicht nur um Wissenschaft sondern auch um den Tummelplatz von Eitelkeiten, schnell noch ein paar Nobelpreise abräumen bevor es andere tun… ohne Rücksicht auf die Kosten.
    Das Cern hat ja durchaus seine Verdienste aber ohne LHC keine privilegierte Cern -(Zahlmeister)Mitgliedschaft. Das Geschäftsmodell ist schon ein bisschen in die Jahre gekommen – umdenken, wie es von Herrn Hahn angestrebt wird, scheint mir zukunftweisend!

  4. Basti sagt:
    #4

    “Schnell noch” ist bei einem Projekt, was Jahrzehnte der Planung und Durchführung in Anspruch nimmt, wohl wirklich nicht die Motivation. Und ohne diese Kosten ist ein solches Experiment eben nicht durchführbar – auch nicht von “anderen”. Dass das TEVatron hofft, das Higgs zu finden, bevor der LHC startet, ist schon richtig. Ob man daran glaubt, ist eine andere Sache. Und selbst wenn das TEVatron Erfolg haben sollte, hat der LHC noch genug anderes zu tun, was die Kosten und den Aufwand rechtfertigt.

    Was ich gar nicht verstehe: “Ohne LHC”?? Nur weil das Ding jetzt noch ein Jahr länger braucht (nach ohnehin schon jahrelangen Verzögerungen, die bei Projekten dieser Dimension leider nicht ausbleiben) ist das CERN doch nicht auf einmal “ohne LHC”. Im Herbst geht’s los.

    Ich kann verstehen, wenn kleine Länder in einem so großen Verbund das Gefühl haben, sowieso nichts bewegen zu können. Aber das gerade ist doch der Sinn von einem gemeinsam agierenden Europa: der Zusammenschluss von vielen “kleineren” Ländern, um ein großes Ziel zu erreichen. Nicht nur in der Forschung, sondern auch in fast allen anderen Bereichen. Das funktioniert seit Jahrzehnten hervorragend – dieses Konzept verwerfen zu wollen, ist nicht zukunftsweisend, sondern reaktionär.

  5. Robert sagt:
    #5

    es gibt nun auch eine Online-Demo gegen den CERN-Ausstieg Österreichs: http://bitly.com/X0Zib – bitte mitmachen & weitersagen! Danke Robert

  6. Stefan sagt:
    #6

    Ende diesen Jahres soll es am endlich CERN weitergehen. Gibt es dazu einen Artikel von Euch?

  7. Andi sagt:
    #7

    Stefan: Vielleicht schreiben wir etwas, wenn es denn wirklich so weit ist :).