Monatsarchiv für November 2008

Inkas, Graphologie und Astronomie

Vor längerer Zeit, eigentlich schon vor ziemlich langer Zeit, wurde in diesem physikalischsten und selbstreferenziellsten aller Blogs ein Artikel verfasst, der über ein Schriftzeichen berichtete, welches vor noch viel längerer Zeit von einer menschlichen Hochkultur entwickelt wurde, die leider nicht mehr selbstreferenziell sein kann: den Inka. Dabei ging es jedoch nicht um die üblichen Themen, wenn man über alte südamerikanische Kulturen spricht, wie seltsame Ballspiele, Spanier mit Glasmurmeln oder die Fähigkeit, die Dauer eines Monats so genau zu bestimmen, dass man innerhalb eines Jahrhunderts um nur eine Stunde danebenliegt (und das ohne Maple). Es ging um viel Größeres: das <ǔợg>-Zeichen.

Nachdem es jahrhundertelang verschollen war, tauchte es damals in einer Physik-Vorlesung (ausgerechnet da!) wieder auf. Es wurde bewundert, bestaunt, angebetet – und wieder vergessen. Aber etwas so Großartiges kehrt wieder, es lässt sich nicht kleinkriegen und vertreiben. Das Schriftzeichen kämpft (zurecht!) um seine Daseins-Berechtigung. Und so kommt es, dass es wieder erschienen ist. Gesichtet wurde es diesmal in einer anderen Vorlesung der selben (exzellenten) Technischen Hochschule in Deutschland, und auch hier findet es regelmäßige Nutzung. Endlich wieder eine Lehrveranstaltung, in dem die deutsche Sprache nicht durch lächerliche Zeichenkombinationen wie “ung” verunstaltet wird, die nun wahrlich nicht im Geringsten das ausdrücken können, was dieses Zeichen uns zu sagen hat.

Die nebenstehende Abbildung zeigt das Zeichen in der modernen Fassung. Die kreisrunden Pocken auf der Oberfläche sind durch das genutzte Schreibgerät bedingt. Es ist auffällig, dass der Bogen im unteren Teil des Zeichens deutlich ausgeprägter dargestellt wird. Dies entspricht der in südamerikanischen Hochkulturen sehr ausgeprägten Kultur der Darstellung von Phallussymbolen. Dafür wird der Schwung des oberen Teils deutlich reduziert, es ist nur ein leichter Bogen enthalten. Dies erleichtert die Schreibung dieses Zeichens erneut um ein Vielfaches und macht es somit noch praktischer als das auch schon unglaublich praktische Vorgängermodell.

Welcome Back, <ǔợg>-Zeichen!

Quelle für Erdbeben

Weil ich gerade in Schreiblaune bin und nicht so viel Lust habe zu arbeiten, direkt noch eine Quizfrage an die klügsten Leser der Welt:

Warum gibt es Erdbeben in Südkalifornien?

Na?

Weiß jemand die Antwort?

Kleiner Tipp: Globale Erwärmung und Magengeschwüre von Jack Bauer stimmen nicht.

Immer noch nicht?

Na gut, ich löse auf. Das liegt daran, weil dort zuviele Menschen an der Spitze einer Landmasse leben. Dann fängt die natürlich irgendwann an zu brechen. Ist doch klar, oder?
-> Failblog (lokale Kopie) [Post im Failblog]

Werkzeugtasche anyone?

Bleiben wir mal im Weltall. Dort ist bekanntlich ziemlich viel Müll, der da umherschwirrt. Alte Satelliten, Raketenreste, ausgesetzte Hunde und 70·109 Neutrinos pro Quadratzentimeter.

Seit ein paar Tagen gibt es ein Dings mehr: Eine Werkzeugtasche von der ISS.

Die US-Astronautin Heidemarie Stefanyshyn-Piper wollte eigentlich ein Sonnensegel warten und Gelenke reinigen. Dabei ist ihr wohl etwas Fett für die Gelenke ausgelaufen und hat Handschuhe und Tasche versaut. Bei der Säuberung ist ihr dann die Tasche “runtergefallen”.


Werdegang einer sich selbständig machenden Werkzeugtasche. Bilder: NASA

Von nun an treibt die Tasche herrenlos in sich vergrößerndem Abstand von der ISS entfernt und wird dabei von zahlreichen Hobbyastronomen verfolgt. Wer auch mal gucken will, kann sich auf dieser Seite hier1 angucken, wann man die Tasche als kleinen leuchtenden Punkt sehen können soll.

Mehr:
AP Pressemeldung
Welt.de (mit Video)
n-tv.de

  1. irgendwie tuts das gerade nicht für Deutschland []

10 Jahre orbital – Big Pictures der ISS

Am 20. November 1998 nahm ein bis dato unbekannt riesiges Unternehmen seinen Lauf: Vom russischen Kosmodrom Baikonur1 startete mit Sarja das erste Modul der Internationalen Raumstation. An diesem Projekt nehmen (und nahmen) die Raumfahrtbehörden der USA, Russlands, Japans, Kanadas und Europas teil.
Und was seitdem dort oben zusammengebaut wurde ist einfach unglaublich.

Wie unglaublich, das zeigt (wiedermal) eindrucksvoll das Bostoner Big Picture in einer passenden, großbildernen Serie: The International Space Station turns 10
[via Randpop]

  1. Baikonur hätte ja selbst schon einen kompletten physikBlog-Artikel verdient — so interessant ist der Standort. Eigentlich in Kasachstan gelegen ist das Gebiet nämlich seit ein paar Jahren verpachtet an Russland. Bis 2050, für ein paar Millionen (Rubel) jährlich. Auf dem 6000 Quadratkilometer großen Gelände arbeiten ca. 70.000 Menschen nur für Raketen und alles, was damit zusammehängt. Es gibt dort 15 Startplätze. Und von oben sieht alles ziemlich langweilig aus – Google Maps oder ein Lageplan. Viele Infos dazu gibt’s neben der Wikipedia bei RussianSpaceWeb.com. []

Das war..: Das physikBlog bei der Aachener Wissenschaftsnacht

Da standen wir also.
Um uns herum scharenweise Menschen – und noch mehr Kinder. Alle wollen sie erklärt haben, wie das denn funktioniert. Und sie wollen mal ihre Hand reintun. Und mal drüberlaufen. “Na klar, deswegen sind wir hier!”.

Das physikBlog war auf der Aachener Wissenschaftsnacht 2008. Mit nichtnewtonschem Experiment. Im Flur vor den Seminarraumen standen wir. Und das schon seit 16:30.
Denn dann trafen wir uns mit unseren zahlreichen Helfern um die Maisstärke mit Wasser zu vermischen.
Ein paar Tage zuvor hatten wir die extra beim Aldi vorbestellte Maisstärke abgeholt. 270 Packungen an der Zahl. In tausenden von Eimern und myriaden Wannen wurde von fleißigen Händen dann die Maisstärkeflüssigkeit angerührt. Immer so, bis man beim Kneten drin stecken blieb.
In der Zeit machten André und ich die Wanne fertig. Auch die war schon in der Woche gebaut worden1 und musste jetzt noch aufgebaut und getweakt werden.
Als auch das fertig war, konnten endlich die 2,80 * 0,60 * 0,15 m3 mit Maisstärke gefüllt werden.

Um 19:irgendwas öffneten auch wir unsere Tore2 und der Zuschauerstrom näherte sich asymptotisch unserem Experiment.
Und so sollte es auch für die nächsten fünf Stunden bleiben.

Alex lief über die Bahn und erklärte dabei wiedermal, wie das funktioniert, was da gerade passiert. André half den Kinder- und Erwachsenenhänden beim Spielen in der Flüssigkeit und erklärte dabei wiedermal, wie das funktioniert, was da gerade passiert. Ich half Kindern3 beim Laufen über die Bahn und erklärte dabei wiedermal, wie das funktioniert, was da gerade passiert.

Es machte riesigen Spaß. Bis um irgendwas vor 12, als so langsam der Besucherstrom an Dichte verlor und wir das Problem des Aufräumens nicht mehr an Futureandré und Futureandi weiterreichen konnten. Vor uns erstreckte sich ein Flur, der homogen mit weißem Pulver bedeckt war. In Wannennähe nahm die Dicke der Schicht immer weiter zu. Die Kinder from Hell hatten ganze Arbeit geleistet.
Die Wanne wurde ihres Inhalts entledigt, und in kleinen, verdünnten Stückchen den Abfluss im Innenhof hinuntergeschüttet4; der Raum wurde in mehreren Schritten bis nahe der klinischen Reinheit bereinigt — und der Hausmeister schloss hinter uns um 2:00 das Karman ab, nachdem auch das letzte Beatles-Lied verklungen war.

Es war, um es mit einem einzigen Wort zu sagen: awesome. Um es mit mehr Worten zu sagen: herausragend, toll, spitzenmäßig, umwerfend, unglaublich, spaßig. Fetzig.

André und ich möchten uns besonders bei allen Helfern bedanken, die das physikBlog beim Experiment unterstützt haben. Besonders besonders Dank an die Aufräumer, die mit uns bis mitten in die Nacht gewischt haben und sich dabei eine Staublunge eingefingen, gegen die die Lunge eines chinesischen Bergarbeiters aussieht wie ein OP-Tisch.
Danke, Sarah, Basti, Oli, Hape, Vera, Dirk, Martin, Martin, Andrea und Alex.

Fotos haben wir auch ein paar geschossen.
Live in meinem (1|2|3|4) und in Martins (1|2) Twitteraccount.
Oder aber mit so richtiger Kamera von André bei Picasa Web und von Martin bei flickr.

  1. Danke, Papaseineschreinerei! []
  2. Es musste noch geputzt werden… Hätten wir da schon gewusst… Naja. []
  3. keinen Erwachsenen, da wollte keiner… []
  4. Mit Hilfe eines durch Klebeband und Gartenschlauch verlängerten Wasserschlauchs, den die Fassadenarbeiter freundlicherweise hatten liegen lassen… []