Monatsarchiv für Oktober 2008

Innovative tesa™-Konzepte #412

Alle Welt regt sich über die Klimaerwärmung auf. Und Wirtschaft. Und Reich Ranitizicksiev (oder so). Daran können wir zwar auch nichts tun, aber zumindest haben wir tesa-Film! Mit tesa kann man nämlich nicht nur jede Menge Zettel aufhängen, Bärte rasieren und in der Rolle Daten speichern. Nein, jetzt kann man damit auch ein Heimröntgengerät basteln. Damit ihr auch nachgucken könnt, was eure Katze gegessen hat.1


Lichtemission durch Abrollen (NY-Times)

Jedenfalls haben Wissenschaftler herausgefunden, dass wenn man eine Rolle Klebeband (Scotch Tape) nur schnell genug abzieht, dabei Licht entsteht. Und wenn man die richtigen Rahmenbedingungen trifft, kann dieses Licht sogar Röntgenstrahlung sein.2

Der Effekt der Lichtemission ist schon länger bekannt – 1939 wurde erstmals gezeigt, dass Abrollen von Klebeband (schwaches) Licht erzeugen konnte. Er wird Tribolumineszenz genannt und entsteht beim Aneinanderreiben rauer Oberflächen. Ganz verstanden ist das noch nicht, man vermutet aber, dass das Leuchten aufgrund von Ladungsträgererzeugung an den beiden Oberflächen herrührt.


Finger röntgen mit Klebeband (NY-Times)

Demnach entstehen an den gegenüberliegenden Flächen positive und negative Ladungen, die für ein elektrisches Feld sorgen. Elektronen werden in diesem Feld beschleunigt und wechselwirken dann mit der Umgebung was wiederum durch kleine Lichtblitze sichtbar ist.

Dieses Licht ist meistens bläulich, kann aber auch bis in den Röntgenbereich ragen. So haben Forscher der University of California in Los Angeles nun zeigen können, dass bei einer Abrollgeschwindigkeit von etwa 3 cm/s im Vakuum Röntgenlicht entsteht (Intensität bis 100 mW), das ausreicht, einen Finger zu durchleuchten.

Nettes Experiment für zu Hause: Nehmt euch zwei Stückchen Würfelzucker, einen dunklen Raum und eine Katze. Begebt euch in den (möglichst komplett) dunklen Raum und wartet, bis eure Augen die Katze wieder sehen können und fangt an, die Stückchen aneinander zu reiben. Bei mir hat es gut funktioniert, wenn ich eine Kante des einen an einer Fläche des anderen gerieben habe.

Mehr Informationen: NY-Times | Wissenschaft.de | heise.de

  1. Bevor jemand auf die Idee kommt: Die Unterwäsche der heißen Nachbarin könnt ihr damit nicht sehen. Höchstens, wenn ihr ihr die Klamotten mit dem Klebeband vom Leibe reißt. Aber dazu braucht man eigentlich kein tesa. []
  2. Unsere treuen physikBlog-Leser wissen natürlich, dass sichtbares Licht genauso elektromagnetische Strahlung ist wie Röntgenstrahlung. []

Fremdgehört

Das Semester hat wieder begonnen, tausende Studenten strömen zwischen Hörsaal und Mensa hin und her und auch wir sind natürlich wieder mit dabei.
Als besondere Begrüßung hat sich die elitärste aller deutschen Technischen Hochschulen überlegt, Vorlesungen mit virtuellen Fremddozenten aufzuwerten. Gut, sie waren schon vorher großartig — aber zweimal großartig ist eben einmal mehr.

Die Generalprobe in Theoretische Physik: Elektrodynamik gestern klappte zumindest großartig. Wusste der Prof vorne einmal nicht mehr weiter, sprang die nette Frau von draußen mit dem Funkmikrofon ein und half mit illusteren Anmerkungen zu Kunstwerken in Aachen und hilfreichen Tipps zum Studieren in Aachen. Oder was man im Studium der Stadtgestaltungslehre1 so alles lernen wird.

Ein paar kleine Abstimmungsprobleme gab es dann allerdings doch noch: Während Prof. Rudi vorne noch die Grundzüge von rotierenden und diversitären Gradienten erklärte, fiel ihm die Frau aus dem bunten Klotz vor dem Hauptgebäude ins Wort und beschrieb mit voluminösen Worten die atemberaubende Architektur des … ähm … bunten Klotzes.

Das physikBlog sagt: Gute Idee! Aber: Es fehlt noch das gewisse Etwas, wie wäre es zum Beispiel mit lustigen Katzengeschichten?

  1. Begriff von der Redaktion frei erfunden. Hatte aber zumindest mit Stadtgestaltung zu tun, was die da so erzählt hat []

physikBlog erklärt: Nobelpreis 2008 in Physik

In den letzten Tagen wurden wieder Nobelpreise verliehen. Und neben ein paar unbedeutenderen Wissenschaften auch in der Königsdisziplin. In der Physik natürlich. War es letztes Jahr der Kram aus Jülich, den man für die großen Datenmengen auf Festplatten braucht, ist es dieses Jahr irgendwas mit Symmetrie und lässt sich nicht mehr mit einem Satz zusammenzufassen.
Natürlich versuchen wir’s trotzdem: Symmetriebruch ist nötig, damit Materie (inkl. Protonen und Gnus) existieren kann, wie sie eben existiert.
Euch reicht das nicht? Kein Problem. Hier kommt für die besten aller Leser unser spezieller Erklärbär-Service.

Der Nobelpreis geht in den Bereich der Teilchenphysik hinein. Teilchenphysik? Schon mal gehört? Na klar! Da machen die doch gerade in der Schweiz was mit! Am CERN am LHC. Womit könnten wir also die Erklärung besser starten lassen, als mit einem Zitat aus unserer CERN’ed-Serie? Eben.
Aus dem Artikel zum LHCb:

Montag morgen, 9:25 Uhr. Ihr steht auf, gestern Abend war noch Einweihungsparty bei Peter und es gab reichlich Alkohol. Verkatert steht ihr im Bad und putzt euch die Zähne. Schließlich wollt ihr vor der Vorlesung um 10 noch etwas mit dem Prof besprechen. Aber was ist das? Euer Spiegelbild putzt sich nicht die Zähne sondern streichelt ein kleines Kätzchen auf dem Arm. Sollte ein Spiegel nicht das Gleiche, nur spiegelverkehrt wiedergeben?

Ungefähr so ist das nämlich mit den Symmetrien und den Symmetriebrüchen.
Es gibt verschiedene Arten von Symmetrien. Am besten vorstellen kann man sich die Spiegelsymmetrie. Wäre eine Katze eine Kugel, sähe sie vor einem Spiegel identisch aus. Aber seit 1923 gibt es auch katzenförmige Katzen. Mit Kopf und Schwanz. Und hier hört die Symmetrie auch schon auf: Vorne sieht die Katze anders aus als hinten. Zum Glück.

Da Physiker nicht mit Katzen und Spiegeln arbeiten1, muss das Ganze ein wenig abstrahiert werden. Anstelle von Katze und Spiegel nehme man jetzt das Vakuum undoder superduper tiefe Temperaturen. Im Rahmen des Mexikaner-Hut-Modells2 hat z.B. ein rundes Teilchen in der Mitte der Spitze des Huts symmetrische Eigenschaften. Aber wenn man nur ein bisschen am Hut oder am Teilchen wackelt, dann verliert es seine instabile Position in der Mitte des Huts und fällt in die Hutkrämpe herunter. Jetzt ist es in einem Grundzustand angelangt – befindet sich aber nicht mehr symmetrisch in der Mitte des Huts. Zack, Symmetrie verletzt.

Hut, hin oder her. Warum ist das jetzt so toll? Ganz einfach: Ohne Hut keine Katze! Und das wäre doch furchtbar!
Katzen bestehen nämlich aus Materie. Das ist in sofern erstaunlich, als dass es damalsTM, direkt nach dem Urknall3, als sich aus Energie langsam ein Brei von (Anti-)Materie bildete, ein Gleichgewicht von Materie und Antimaterie gab. Und dass die Katze nun nicht lila ist, auf den Ohren läuft und aus Antimaterie besteht, liegt an einem spontanem Symmetriebruch. Zumindest die letzte Eigenschaft. Irgendwie hat die Materie nämlich überhand gewonnen und ist teilweise bei der Antimaterie-Vernichtung übrig geblieben.
Ein anderes, bekanntes Beispiel von spontanen Symmetriebrüchen wäre z.B. der Zerfall von (Anti-)Kaonen, den wir schon im LHCb-Artikel beschrieben haben. Der Kaon-Zerfall war es, der initial darauf hindeutete, dass es Symmetriebrüche überhaupt gibt.

Und für die Erklärung solcher spontanen Symmetriebrüchen gab es jetzt den Physik-Nobelpreis.

Yoichiro Nambu, der die eine Hälfte des Nobelpreises bekam, hatte supraleitende Materialien in den 60ern untersucht, seine Feststellungen auf das Gebiet der Teilchenphysik übertragen und damit eine mathematische Beschreibung geliefert, die schließlich deutlich zur Entstehung des modernen Standardmodells in der Teilchenphysik beitrug.

Die andere Hälfte wird nochmal halbiert und auf Makoto Kobayashi und Toshihide Maskawa aufgeteilt, die spontane Symmetriebrüche bei Experimenten an Teilchenbeschleunigern erklären konnten4. Das machten sie mit einer dritten Generationen von Quarks. Ihr wisst schon, Quarks, das sind die Dinger, aus denen z.B. Protonen zusammengebaut sind.
Neben den anfänglichen up- und down-Quarks wurden so strange- und charm-, und dann eben auch bottom- und top-Quarks postuliert. Man fand auch tatsächlich alle dieser Elementarteilchen – das letzte, das schwere top-Quark erst 1995.
So haben wir also nicht zuletzt durch Kobayashi und Maskawa ein hübsches Standardteilchenmodell, aus sechs Quarks drei unterschiedlicher Generationen – natürlich mit weiteren sechs Antiquarks.

Wer mehr dazu wissen möchte, der möge sich das offizielle “Information for the Public”-Dokument des Nobelpreis-Komittees durchlesen. Das ist wunderbar allgemeinverständlich geschrieben und hat sogar eine Umarmung mit einem Alien inklusive5.

Von alpha-Centauri, dieser Physik-Erklär-Sendung von BR-alpha mit der unglaublich spacigen Titelmelodie, gibt es auch ein 15 Minuten Video zu Symmetriebrüchen. Eigentlich würde ich das jetzt hier einbinden, geht aber leider nicht. Daher leider nur der Direktlink, der das Browserfenster auch noch verkleinert (grrr!), das Video ist aber trotzdem empfehlenswert.
DirektSymmetriebruch

  1. Zerbrechen zu schnell und werden so schnell dreckig. []
  2. Ariba ariba! []
  3. Die älteren Leser mögen sich noch daran erinnern. []
  4. Die Quark-Mischende CKM-Matrix ist übrigens von den beiden Hübschen. []
  5. Und da sag einer, Physiker hätten keinen Humor. In einer Nobelpreiserklärung davon erzählen, man müsse aufpassen, wenn man das nächste mal Aliens umarmt, dass sie nicht aus Antimaterie bestehen. In einer Nobelpreiserklärung. Hihi. []