Monatsarchiv für September 2008

Nicht auf Primzahlfälscher hereinfallen

Vor ein paar Tagen gaben ein paar Internetbetrüger vor, sie hätten mit Hilfe von Verteiltem Rechnen die größte Primzahl gefunden. 13 Millionen Stellen besitzt diese Zahl. Also ungefähr so lang: .
Außerdem ist es eine Mersenne-Zahl, die 43.112.609., um genau zu sein. Sie lässt sich also als 243.112.609-1 darstellen. Darauf stehen Mathematiker.
Weil sie so darauf stehen, und ganz vielleicht auch, weil es die erste Primzahl mit mehr als 10 Millionen Stellen ist, können die Finder 100.000 Dollar mehr auf ihrem Spesenkonto verbuchen.

Aber Obacht!
Die Erfinder dieser Zahl streuen gezielt Desinformationen, die annehmen lassen, es handele sich bei dieser Zahl um die absolut größte Primzahl. Dabei handelt es sich nur um die momentan Größte. Nicht die größte Größte!
Wie fleißige physikBlog-Leser wissen, endet die absolut größte Primzahl als einzige nämlich auf 42 und hat nur Nullen in den Nachkommastellen. Außerdem haben wir die schon vor langer Zeit gefunden.
Also: Achtung!

CERN’ed: Nachwort

CERN Control Center zum Start von LHC
CERN Control Center zum Start des LHC. via CERN

Es ist nun knapp zwei Wochen her, seit der LHC offiziell angeschaltet und wieder abgeschaltet wurde. Die Welt steht noch, das physikBlog sowieso und neue Katzenbabies werden geboren. Zeit, noch einmal zurückzublicken. In die Zeiten damals, als es noch keinen LHC gab. Die PräTeV-Ära1 sozusagen.

Natürlich war das kein Druck auf den roten Knopf, der den LHC startete. Wenn überhaupt ein virtueller roter Knopf, aber eigentlich gibt es keinen konkreten Start. Der LHC schubste auch schon zwei Wochen vorher Teilchen umher – nur eben nicht ganz rum. Und neue Erkenntnisse wird man auch nicht sofort gewinnen, noch gibt es keine Kollisionen (die ersten werden Ende des Jahres irgendwann nächstes Jahr erwartet) und allgemein läuft erstmal alles im Schongang. Bis es soweit ist, dass man in unbekannte Bereiche vordringt, wird noch viel Milch und Honig im Land-wo-Milch-und-Honig-fließen geflossen sein.

Gefüllter Hörsaal zum Start des LHC
Gefüllter Hörsaal zum Start des LHC.
via US/LHC-Blog

Dennoch war es ein bombastisches Ereignis, da in der Nähe von Genf. Einem ganzen Haufen kluger Köpfe fiel die monatelange Last, alles fertig zu bringen, an diesem Tag von den Schultern. Und alle, die nichts auf den Schultern hatten, aber trotzdem mit feiern wollten, konnten sich in diverse Hörsälen real gemeinschaftlich oder daheim beim Webcast virtuell gemeinschaftlich mit freuen.

Dummerweise ist der große Teilchenspaß schon kurz danach wieder vorbei gewesen. Es gab ein Problem in der Elektrik, ein Kabel zwischen zwei Magneten ist aufgrund der hohen Ströme durchgeschmort. Zunächst dachte man noch, man würde das Problem binnen einer Woche in den Griff bekommen. Ein erneuter Versuch am Freitag letzter Woche zeigte aber, dass mehr Arbeit investiert werden müsste. Also bleibt der LHC jetzt erstmal für zwei Monate abgeschaltet.

Zwei Monate? Wegen eines durchgeschmorten Kabels? Naja, es scheint ziemlich viel des Kühlmittels Helium entwichen zu sein, so dass ein Abschnitt jetzt erstmal für Reparaturarbeiten erwärmt werden muss. Und danach muss wieder abgekühlt werden. Dass der ganze Nicht-Spaß so lange dauert kann man sich leicht vorstellen, wenn man daran denkt, wie man mal schnell das Bier kalt stellen will. Nur dass man jetzt nicht auf angenehme Trinktemperatur will, sondern auf 1,9 K2, das braucht eben seine Zeit.

Wir werden euch jedenfalls auf dem Laufenden halten, was da im CERN so vor sich geht.

Nachtrag: Direkt, nachdem ich den Artikel hier rausgehauen habe, musste ich auf heise lesen, dass der LHC noch mindestens bis zum Frühjahr 2009 abgeschaltet bleibt (→ heise-Artikel). Die Reparaturen scheinen noch aufwendiger zu sein, als man dachte. Aber gut Ding will Weile haben, also bleiben wir geduldig.

Und wer nach unserer CERN’ed-Reihe wahlweise immer noch nicht weiß, wie der LHC funktioniert oder nicht genug LHC-Stuff bekommt, der kann sich nach dem Klick noch ein wirklich gutes Erklärungsvideo anschauen. ‘CERN’ed: Nachwort’ weiterlesen

  1. Zusammengesetzt aus TeV, der Energiebereich, in dem der LHC hinterher arbeiten wird. Und ja, ich weiß, es gab auch schon vorher einen Beschleuniger, der Protonen mit einer Energie von 1 TeV kollidieren lässt. []
  2. also -271,3 °C []

Diverses physikalisches Internetziges

Ihr dachtet, nach knappen zwei Wochen täglichen Postings würden wir auch danach die Frequenz hoch halten? Von wegen! Wir schaffen es immer noch, unseren physikBlog-Schreibdrang zu unterdrücken und ihn in pure tägliche Awesomeness1 umzuwandeln.
So geht es aber nicht allen. Nicht alle sind so stark wie wir und schaffen es, ihren Drang zu unterbinden. So zum Beispiel diese hier…

cracked.com: 5 Retarded Space Travel Ideas (That Might Actually Work)

This whole space travel thing has gotten pretty boring ever since we landed on the moon. We can’t make it to another planet and none of our ships have lasers. What the hell is the point?
But there were some incredibly awesome technologies that never made it off the drawing board. All because we didn’t have the foresight, there wasn’t enough funding, and they sounded like they were made up by a kindergartner.

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cracked.com: The 5 Scientific Experiments Most Likely to End the World

Let’s face it, we really trust science. In fact, studies suggest that the vast majority of people will murder another human being, if a guy in a lab coat tells them it’s OK.
But surely in their insatiable curiosity and desire to put knowledge above all things, science would never, say, inadvertently set off a chain of events that lead to some sort of disaster that ended the world. Right?
Well, here’s five experiments that may prove us wrong.

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wired science: Top 8 Large Hadron Collider Videos

The Large Hadron Collider has become fodder for tons of viral videos. Some are hilarious, others are informative, and the best are somewhere in between

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wired science: Top 10 Amazing Physics Videos

Tesla coils, superconductors, and hilarious music videos are great reasons to be excited about physics. Here are some of our favorites.

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nature news: LHC by the numbers

The largest particle accelerator in the world, which will feel its first full proton beams tomorrow, just oozes numerical hyperbole.

Leider nicht frei verfügbar2, aber unter unseren elitären Lesern ist doch sicherlich der ein oder andere nature-Abonnent.

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Außerdem gibt’s bei neatorama zwei T-Shirt-Motive, die ganz schön neat-geeky sind:


Mehr auf der Produktseite zu: I Heart Physics

Mehr auf der Produktseite zu: I Survived the Large Hadron Collider
  1. Im Reallife. Natürlich. []
  2. Google hilft ja manchmal ein bisschen… []

CERN’ed: Das war’s dann …

… mit dieser Artikelserie.
Am Mittwoch um 9:30 Uhr startet der größte Teilchenbeschleuniger des Universums (wahrscheinlich, zumindest). In unserer Reihe CERN’ed haben wir euch in den letzten Tagen täglich einen Beitrag zum Thema präsentiert.
Wir hoffen, es hat euch gefallen und wenigstens annähernd soviel Spaß gemacht wie uns.

André und ich möchten uns an dieser Stelle auch bei unseren neuen Autoren Basti, hape und Chris bedanken, die wir zum ersten Mal richtig eingespannt haben. Jungs: Danke.

Eigentlich wollten wir ja morgen einen Livestream mit Schampusöffnen zum LHC-Start machen. Aber dieses Studium, ne? Wir müssen experimentieren.

So müsst ihr leider mit dem offiziellen Webcast des CERNs vorliebe nehmen. Ab 9:00 Uhr geht’s los. Oder ihr findet euch bei einer der Startup-Activities ein.
Und wenn alles klappt, dann lesen wir uns schon bald wieder. Vielleicht allerdings in einem anderen Universum.

Unter dem Tag “CERN’ed” veröffentlichte Beiträge nach dem Teilchenkick… ‘CERN’ed: Das war’s dann …’ weiterlesen

CERN’ed: Von Schwarzen Löchern, seltsamen Dingen und Menschen

Amen.
Manchmal ist Physik ja so etwas wie eine Religion. Massenweise Leute, die sich einem Kollektiv anschließen und gemeinsame Sache machen. Aber wie in jeder guten Religion, gibt’s auch hier Vollidioten. Einige Vollidioten.
Aber fangen wir vorne an1


Kann leben, dank CERN. (flickr-Bild.)

Geräte und Institutionen, deren Fetzigkeit nur durch ihre Unverstehbarkeit übertroffen wird, bergen viel Potenzial für fiktionale Ausschmückung. Das CERN ist da ganz vorne dabei – direkt hinter der NASA in der 70er-Jahre-Version. Der ein oder andere Leser hat sicherlich schon einmal von einem Nischenbuchautor namens “Dan Brown” gehört. Dieser aufstrebende Autor schrieb einst ein Buch namens Illuminati. Darin ging’s um ganz viel Hokuspokus. Ausgangssituation des Buchs war ein toter Wissenschaflter im CERN, der gerade mit Antimaterie den Urknall (sic!) erforscht hat. Außerdem probierte er, und das ist auch eines der Leitmotive dieser Novelle, Wissenschaft und Religion in Einklang zu bringen. Wissenschaft und Religion? Wie bezeichnend.
Ein (wirklich) etwas unbekannteres Buch mit vielsagendem Titel “42″ von Thomas Lehr beschreibt den Moment, in dem durch das CERN die Zeit angehalten wird. Weltweit.
Douglas Prestons “Credo” spielt zwar nicht am CERN, sondern an einem fiktionalen Teilchenbeschleuniger in Amerika. Dort findet man mitten im Punkt der Strahlkollision Gott. Ja, Gott. Der Gott von Religion und so.


Auch Ziegen können morgen noch kräftig meckern. Dank CERN. (Bild von flickr.)

Aber, hey, Science-Fiction. Da darf man das. Da kann einem das entweder gefallen, oder auch nicht.

Doch tatsächlich gibt es Menschen, die leben ihre Fiktionswahrnehmung in unserer2 Realität aus.
Selbsternannte CERN “Kritiker” haben Angst vor dieser großen, großen Maschine. Und dem Kleinen, Kleinen, was da passieren kann. Gut, kann man haben – nicht jeder muss von Teilchenkollisionen so euphorisiert sein wie wir. Aber da komme ich später zu.

Denn was nur leider so gut wie sämtliche “Kritiker”3 sich selbst ins (ir)relevante Abseits spielen lässt, das ist ihre Argumentation. Und ihre Argumentationsstruktur.
Ihr kennt das doch: Form und Inhalt korrelieren, hängen zusammen.
Da ist zum Beispiel der momentan4 auf der Startseite von Anlaufstelle lhc-concern.info5 (etwas weiter unten) prangende Text. Im ersten Moment wird man davon verwirrt, dass das Fett-zu-normal-Verhältnis ungefähr bei 1:1 liegt. Aber daran kann man sich ja gewöhnen. Es geht mir um die Sprache. Tiefe Temperaturen werden als etwas dargestellt, was schlimm ist. Was unnatürlich ist. Ebenso mit Stahlplatten, die von Teilchen durchschlagen werden.
Ich könnte so weiter machen, und wie in einer Deutschstunde in der Schule, Stück für Stück den Text zerpflücken.


Süßer Hund. Dank CERN. (flickr-Bild.)

Es wird eine Atomsphäre im Text aufgebaut, die abseits aller technischen und physikalischen, potenziellen Gefahren das Niveau auf die emotionale Ebene hebt. Eine Grundstimmung im Leser wird erzeugt. Fast schon, und jetzt möchte ich endlich den Bogen kriegen, wie eine Religion6. Statt rationale Argumente für sich sprechen zu lassen, wird die Form zum Inhalt7.

Das kann man entweder schlimm finden, oder man akzeptiert es einfach und kann ab dann köstlich darüber lachen.

Jetzt aber zu den wirklichen Argumenten der Kritiker.
Denen war ihre Sache schließlich so wichtig, dass sie Klagen an Gerichtshöfen eingereicht haben. Gut, die sind gescheitert. Aber auch nur, weil Kennedy von der Mondlandung ermordet wurde: Die Länder der Gerichtshöfe haben nämlich alle das CERN mitfinanziert – und wollen natürlich, dass das Ding an den Start geht. Und dass es die Welt zerstört. Ach, Moment. Nee, das natürlich nicht.

Die Kritiker befürchten, durch den LHC werden eine ganze Menge böse Sachen entstehen.


Erster in einer Reihe LHC-Comics von PHD Comics.

Mikro Schwarze Löcher. Oder Mini Schwarze Löcher. Je nach Skala. Das sind Raumzeitsingularitäten, die bei Teilchenkollisionen entstehen sollen. Und Singularitäten, das ist auch schon alles, was sie mit den Schwarzen Löchern gemeinsam hätten. Denn sie wären winzig klein und nur für den Bruchteil einer Sekunde existent. Konjunktiv? Ja! Denn die Enstehung Mikro Schwarzer Löcher ist keineswegs sicher. Erst unter Annahmen außerhalb des Standardmodells besteht überhaupt die Möglichkeit, dass sie entstehen. Das sind übrigens ähnliche Annahmen, die auch die Hawking-Strahlung voraussagen – jene Strahlung, die die Schwarzen Löcher sofort wieder verschwinden lassen würde.
Noch mehr Argumente dagegen? In der Erdatmosphäre, ach was, im ganzen Universum treffen ein paar mehr Teilchen aufeinander, als es im LHC tun. Mit größeren Energien, als im LHC. Häufiger, als im LHC. Mikro Schwarze Löcher? Klar, gestern noch gesehen, als ich meine Katze aus der Mirkowelle geholt habe. (Oder anders: Gäbe es solche Mikro Schwarze Löcher im Universum, hätten sie es längst verschlungen, es gäbe kein Universum mehr, ich könnte diese Zeilen nicht mehr tippen. FAIL.)

Strangelets. Könnten entstehen und alle Materie auffressen. Wie das Krümelmonster. Aber seit 2002 gibt es bereits ein Experiment (der Relativistic Heavy Ion Collider), das viel bessere Bedinungen für das Entstehen von Strangelets bereit hält – beim LHC wären sie ja schließlich bloß Nebenprodukt. Aber Moment, die Erde gibt’s noch. Seltsam, ne?

Es gibt noch mehr Bedrohnungen. Böse kosmische Strahlung, Vakuumsblasen, magnetische Monopole. Aber dazu haben sich schon viele, viele andere Leute viel neutraler geäußert, als ich es könnte.
Das CERN hat diverse Sicherheitskomissionen einberufen, Berichte veröffentlicht, Webseiten online gestellt. Selbst der Bundestag kommt zum Urteil8:

Insgesamt ist die Gefährdung, die vom LHC ausgeht, daher zumindest als sehr gering einzuschätzen.

Nur ob durch das LHC eine Riesenperserkatze entstehen wird und die ganze Welt auffressen wird, das kann ich nicht 100%ig ausschließen. Aber in ein paar Stunden wissen wir mehr.
Katzenallergie, anyone?

  1. Wer keine Lust auf meine pseudophilosophischen Ausführungen hat, kann getrost die ersten vier Abschnitte überspringen. Ich bin nicht böse. Nicht. []
  2. ja, auch meiner! []
  3. Von hier an werde ich die Anführungszeichen weg lassen, sie sind aber da! Ganz bestimmt! []
  4. Screenshot. []
  5. Dieses Wortspiel finde ich übrigens tatsächlich gut! []
  6. Nur als Disclaimer: Ich habe ganz und gar nichts gegen Religion. Erst recht nicht, wenn es sich um die großen Religionen handelt. Bei irgendwelchen Sekten sieht das allerdings schon etwas anders aus… []
  7. Was jetzt nicht für zur Religion gehört, sondern losgelöst zu verstehen ist. []
  8. Link zur Google-HTML-Version des PDFs. []