CERN’ed: Das CERN der letzten 55 Jahre

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Kommentar

CERN. Das steht für Conseil Européen pour la Recherche Nucléaire. Wer des Französischen in etwa so mächtig ist wie ich des Reitens: Übersetzt heißt das ungefähr “Europäisches Konzil für Kernforschung”.
Und das ist genau betrachtet etwas verwirrend. Auf zwei Ebenen: Wieso Konzil? Und wieso Kernforschung?
Fangen wir vorne an. Zeitlich jetzt.

Irgendwann im Frühling des Jahres 1952 saßen ein paar Vertreter Europäischer Staaten zusammen. Mit Sicherheit gab es Kaffee1. Sie hatten eine Idee. Sie wollten ein staatenübergreifendes, state-of-the-art Forschungszentrum zur Erforschung von Atomen und Kernen und sowas gründen. Sie riefen ein Konzil ins Leben, welches dieses Forschungszentrum gründen sollte. Und so kam es auch: 1954, nachdem man sich auf den Standort in Genf in der Schweiz geeinigt hatte, wurde das CERN gegründet. 12 Staaten Europas waren an Bord und legten 1955 den Grundstein.
Das klare, selbstgesteckte Ziel war es, Grundlagenforschung zu betreiben und völlig unabhängig von der (finanziellen) Macht des Militärs zu bleiben. Alle Ergebnisse sollen veröffentlicht werden.
Man einigte sich bald auf einen Namen, Organisation Européenne pour la Recherche Nucléaire (Europäische Organisation für Kernforschung). Doch OERN als Abkürzung wäre alles andere als hübsch gewesen, außerdem hatte sich CERN schon eingebürgert. Also nahm man kurzerhand CERN weiterhin als Abkürzung. Frage eins: Check.

Zu den 12 Gründungsstaaten gehörten Deutschland (damals noch bekannt unter ‘West Deutschland’), Großbritannien und Frankreich. Diese drei trugen 1970 ca. 65% des CERN-Budgets von 670 * 106 Schweizer Franken2. Seit 1954 sind ein paar Länder zum CERN dazu gekommen, abgesprungen, wieder dazu gekommen, so dass jetzt 20 Länder als Mitglieder dabei sind.
Darüber hinaus gibt es Beobachterstaaten und -organisationen, zu denen z.B. die USA, Indien, die UNESCO und die Europäische Kommision gehören. Diese dürfen überall beim CERN mit im Sandkasten spielen, nur keine Entscheidungen treffen. Und darüber hinaus gibt es noch 35 Nicht-Mitglied-Staaten die in irgendeiner Weise am CERN involviert sind.
Es arbeiten ca. 2600 Angestellte direkt, ca. 8000 Wissenschaftler indirekt von 580 Universitäten und Instituten am CERN.
2008 tragen die Mitgliedsstaaten 1 Milliarden Schweizer Franken zum CERN bei. Das sind ca. 660 Millionen Euro, von denen der Hauptteil immer noch von Deutschland (nämlich knappe 20 Prozent) gestemmt wird.

Zur Gründung des CERNs dachte man noch, man würde sich mit der Erforschung des Atomkerns beschäftigen. Also Zerstören, Teilen, Spalten, Zusammenführen, Streuen. Das Übliche. Schon bald aber entschied man sich, etwas mehr in die Tiefe zu gehen3 und die Längenskalen etwas zu verkleinern. Man wollte erforschen, woraus eigentlich Kerne aufgebaut sind und was da unten so alles Lustiges passiert. (Ahja — Frage zwei: Check.)
1957 wurde der erste, kleinere, 1959 dann der damalig größte Teilchenbeschleuniger mit 28 GeV4 in Betrieb genommen.

In solchen Teilchenbeschleunigern schickt man klitze, klitze kleine Teilchen immer weiter im Kreis herum und beschleunigt sie dadurch, bis sie fast Lichtgeschwindigkeit haben. Dann lässt man sie gegeneinander oder auf ruhende Teilchen prallen und guckt sich an, was passiert. Das unterstützt entweder die Theorie. Oder auch nicht.

Möchte man Teilchen heftiger aufeinander prallen lassen, braucht man immer mehr fast Lichtgeschwindigkeit und Energie. Außerdem sollte man den Durchmesser des Beschleunigerrings5 erhöhen. So kam es innerhalb einer Kooperation dazu, dass jetzt ein Teil des großen Beschleunigerrings in Frankreich liegt – unterirdisch.

In den Jahren gingen ein paar Nobelpreise direkt oder indirekt ans CERN. Man entdeckte Antiwasserstoff und konnte es sogar in größerer Stückzahl herstellen6. Außerdem konnte man ein paar Elementarteilchen entdecken und vermessen. Resultate, die ganz nach Rezipient mehr oder minder spektakulär aufgenommen werden.

Unabhängig des Rezipienten kann wohl eine Entwicklung als absolut spektakulär bezeichnet werden.
1989 stellte ein bis dahin unbekannter Tim Berners-Lee fest, dass internationale Kooperation im Zeitalter von Internet mehr braucht, als simple Datenübertragung. Zwei Jahre später wurde am CERN das World Wide Web erfunden. Also dieses famose Ding, was euch täglich das physikBlog nach Hause bringt. Danke, Tim.
Ein großes Experiment wie LHC braucht allerdings eine neue Stufe internationaler Rechnerkooperation: Das (World Wide) GRID steht schon in den Startlöchern.

Morgen geht’s weiter mit der großen physikBlog-CERN-Serie “CERN’ed“.
Quelle der Bilder: CERN Press-Office und flickr

  1. Schließlich gehört Kaffee zur Physik, wie Mehl zum Backen. Für Katzen gilt dasselbe. []
  2. Millionen natürlich. []
  3. Ob es zu langweilig war? Nur eine Vermutung… []
  4. Zur Klassifizierung der Größe (und der Coolheit) von Teilchenbeschleunigern zieht man die Größe eV (Elektronenvolt) heran. Das ist eine Energie. Das G davor ist genauso wie bei Festplatten. G steht für Giga (also 1000*1000*1000), T für Tera und so. []
  5. Eine Möglichkeit, große Energien zu Erhalten, ist es, Teilchen im Kreis zu schicken. Immer und immer wieder. Jeder Umlauf erhöht dabei die Energie ein bisschen. Zur Vollständigkeit sei hier noch erwähnt, dass es ebenfalls Linearbeschleuniger gibt. Die funktionieren eigentlich gleich, beschleunigen allerdings nicht auf einer Bahn im Kreis sondern auf einer geraden Strecke. []
  6. Erinnert sich noch einer an diesen Dan Brown? []
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Eine Antwort auf CERN’ed: Das CERN der letzten 55 Jahre

  1. Mario sagt:
    #1

    Danke, cooler Beitrag. Jetzt hab ich das auch endlich mti der Geschichte des Internets und des www’s gerafft.

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