Mitbestimmungsbaustelle Hochschule

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Gestern Abend veranstaltete unser AStA eine Podiumsdiskussion zum Thema “Mitbestimmungsbaustelle Hochschule”. Unter der Leitung des Journalisten Axel Borrenkott von den Aachener Nachrichten diskutierten Michael Brinkmeier (CDU-Landtagsabgeordneter), Emanuel Richter (Professor für politische Wissenschaft in Aachen), Torsten Bultmann (Bund demokratischer Wissenschaftler) und Daniel Houben (AStA Aachen). Der Andrang an Studenten war groß, der kleine Hörsaal war bis an die Nähte gefüllt.
Wie ihr euch sicher denken könnt war besonders Herr Brinkmeier im Fokus der Diskussion. Brinkmeier äußerte starke Unzufriedenheit über die studentische Mitbestimmung. Dies machte er besonders an der geringen Wahlbeteiligung fest. Außerdem wolle er mehr fachbezogene Arbeit und weniger Ideologie. Viele Studenten seien unzufrieden, weil sie sich durch den AStA nicht repräsentiert sähen, habe er durch persönliche Gespräche erfahren. Einwände der anderen Eingeladenen, wie etwa gegenteilige persönliche Erfahrungen, lies er leider nicht gelten. Kurze Zeit schwebte der Vorschlag einer bestimmten Prozentzahl an Wahlbeteiligung, ab der der AStA sanktioniert werden solle im Raum. (Brinkmeier machte ihn nicht konkret an diesem Abend, muss ihn aber schon einmal gemacht haben.) Dieser wurde jedoch von Prof. Richter bemängelt, da geringen Wahlbeteiligung nichts über die Repräsentativität eines Gremiums aussage. Ein Vorschlag von Daniel Houben, ob denn nicht im Gegenteil sogar mehr statt weniger Mitbestimmung zu mehr Interesse an den Studentenparlamentswahlen führen könnte wurde von Herr Brinkmeier abgelehnt. Die Diskussion unter den Eingeladenen dauerte nur kurz, das Publikum durfte ebenfalls Fragen stellen.
Interessant wurde es, als jemand aus dem Publikum nach konkreten Plänen der CDU-Fraktion im Landtag fragte. Brinkmeier sagte, es gäbe keine konkreten Pläne, aber er sei nicht zufrieden. Er schlägt Mitbestimmungsmodelle andere Bundesländer (“Hessen oder die süddeutschen Länder”) als Diskussionsgrundlage vor. Auf Nachfragen nach seinen konkreten Anhaltspunkten für schlechte Arbeit der ASten redete er drumrum, ohne die Frage konkreter als vorher zu beantworten. Dann begann so langsam der polemische Teil der Diskussion. Es wurde gefragt, ob Herr Brinkmeier unter einer bestimmten Wahlbeteiligung auch den Landtag abschaffen möchte. Dann wurde ihm vorgeworfen, nur eine Scheindiskussion zu führen, da er die Hochschulen effizienter machen wolle und dies mit einer studentischen Mitbestimmung schwerer sei.

Und nach diesem hoffentlich nicht allzu wertendem Bericht (ich hab mich zurückgehalten, oder es zumindestens versucht) kommen nun ein paar ganz persönliche Anmerkungen:

1. Immer wieder erstaunlich für wie gerissen Politiker sich halten. Herr Brinkmeier hat eigentlich nicht besonders viel gesagt (noch ein ganz klein bisschen mehr als oben erwähnt, aber dazu gleich mehr). Aber das was er gesagt hat, hat er häufiger wiederholt oder umschrieben. Ich weiß nicht, mit wem Herr Brinkmeier sonst so redet und ob der- oder diejenige das merkt. Aber die Studenten haben es gemerkt. Und nochmal nachgefragt. (Leider wieder ohne eine Antwort zu kriegen) Traurig das Brinkmeier so schlecht vorbereitet zu der Diskussion kam. Kaum Vorschläge (na gut einen hatte er, aber dazu auch gleich mehr) und schwache Argumente.
2. Jetzt erstmal zum Vorschlag. Ich denke, Brinkmeier wollte ihn eher als Diskussionsgrundlage bereitstellen, trotzdem zeigt der Vorschlag gut, was wir uns bald so erhoffen dürfen wenn Leute wie er wirklich weiter an der Hochschulmitbestimmung schrauben. Und zwar: Der Club der Verfassten Studierenden. Ein schöner Verein. (Zitat, kein O-Ton, aber so ähnlich und lustig: “Herr Brinkmeier, gibt es dannn auch demnächste eine Mitgliedschaft im NRW-Club?”)
3. Jetzt zu dem was Brinkmeier noch gesagt hat. Er erzählte ein bisschen aus seinem Lebenslauf. Er hat Physik studiert, aber zwischendurch auch mal bei McKinsey gearbeitet und ist jetzt “Politiker” (Selbstauskunft). In seiner Studienzeit war er (oder viel mehr wollte er) in der Fachschaft aktiv sein. Die wurde zu seiner Zeit von einem Sozialistischen Mathematikerbund (oder so was ähnliches im gleichen Tonfall) gestellt. Dessen Arbeit war im zu ideologisch, und deswegen hat Brinkmeier eine Gegenbewegung gestartet. Und dann bei der Fachschaftswahl mit 13 Stimmen gegen die anderen verloren. Ich verweise an dieser Stelle nochmal auf die Polemik des mir Unbekannten aus dem Publikum. So abwegig finde ich dessen Vorwurf nämlich nicht. Auf die verlorene FS-Wahl könnt ihr euch selber nen Reim machen.
4. Ein Zitat von Brinkmeiers Homepage: “Dennoch glaube ich, dass sich politisches Engagement lohnt und auszahlt – im Kleinen wie im Großen. Unserer Gesellschaft kann es nur gut gehen, wenn viele von uns bereit sind, ein Stück Verantwortung zu übernehmen.” Diese Übernahme von Verantwortung möchte Herr Brinkmeier verkleinern, wenn nicht gar abschaffen (-> studentische Mitbestimmung in Bayern). Hat der Mann seine Homepage mal gelesen?
5. Ich sehe eine diffusen Zusammenhang zwischen Abschaffung von Mitbestimmungsrechten bei Studenten, sinkenden Wahlbeteiligungen bei Landtagswahlen, zunehmender Politikverdrossenheit und einer Gesellschaft die immer mehr auf Leistung des einzelnen ausgerichtet ist. In den ASten oder den Fachschaften kann man als junger Mensch, der ja bald möglichst zu einer sog. Elite gehören soll, üben, Verantwortung zu übernehmen. Aber das hält vom Studieren ab, und wer nicht schnell genug studiert hat später keinen Erfolg auf dem Arbeitsmarkt und kann in unserer, von McKinsey inspirierten Gesellschaft nicht mithalten. Wer nicht weiß, dass es etwas zum Mitbestimmen gibt, geht auch nicht wählen. (Ist doch eh egal). Wer nicht wählen geht, verliert das Gefühl dafür, dass die Politiker nur deswegen Politiker sind, weil wir sie dazu gemacht haben. Und wer dieses Gefühl verliert glaubt, dass “die da oben” eh alles machen was sie wollen.
Dieser Text erschien auch auf Turmraum.de.

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Kategorien: Allgemein, Studierendes, Universitäres

5 Antworten auf Mitbestimmungsbaustelle Hochschule

  1. Andi sagt:
    #1

    Da wird mir wieder bewusst, dass ich zu viel zu wenigen außerverlosungigen Veranstaltungen der Hochschule gehe :( .
    Und irgendwie schließt sich doch da schon der von dir richtig erkannte Kreis…

    Diese, wie generell ‘solche’ Veranstaltungen besuchen zum Großteil diejenigen, die um den Missstand schon wissen, die ihn bereit sind zu Ändern – der Rest wird wahrscheinlich immer in seiner Unwissenheit bleiben und von Allem erfahren, wenn es erst zu spät oder mal wieder so gerade noch gut gegangen ist.
    Aber dagegen gibt es ja in diesen wunderschönen, modernen Zeiten dieses wunderschöne, moderne Internetz. Die digitale Rebellion.
    Also: Spread the word. Knowledge is everything.

    Und eigentlich ist der Artikel ja viel viel zu tiefgründig für dieses physikBlog. Aber genau so muss es sein :) .

  2. André sagt:
    #2

    Danke für den ausführlichen Bericht. Und sowas passt durchaus hier rein, wer es nicht unbedingt lesen will, der braucht ja nicht – ist ja schnell klar, worum es geht und dass es nicht so ein Spökes-Artikel ist.

    Ich muss mir da auch an die eigene Nase fassen, dass ich mich da zu wenig für Engagiere/Interessiere. Aber ich war immerhin wählen – jawohl! :)

    PS: Wir schreiben natürlich nur ernste Sachen hier, im physikBlog.

  3. macshooter sagt:
    #3

    Wollte nur mal kurz kundtun, dass sowas durchaus gelesen wird und von mir als sehr informativ eingestuft wurde. Danke für die Mühe. Mac

  4. The.Thom sagt:
    #4

    Danke für den interessanten Bericht, scheint als hätte ich da was wichtiges verpasst. Hoffe das der Bericht noch weitere Leute aufrüttelt und zu mehr interesse anregt, bei mir hats geklappt.

  5. Andi sagt:
    #5

    Ich wollte ja garnicht sagen, dass ich das schlecht finde! Ich finde es sehr sehr gut! Ich wollte darauf nur in einem selbstironischem Ton hinweisen.
    Naja. Nächstes Mal sagt ich’s lieber direkt xD.